«Sie dürfen mir ab jetzt Du sagen»

10.10.2018, sti
Du oder Sie? Bei der Luzerner Kantonalbank, in der Trisa, der Calida und im Campus Sursee sagen sich alle Du. Herr Chef gibt jedoch in der Migros, im Spital, bei Otto’s und an der Kanti zu hören. Siezen oder Duzen – die Frage ist berechtigt.

Früher galt der «Knigge» als Richtschnur für geziemendes Benehmen. Heute schreibt er trocken: «Duzen sich alle Mitarbeiter, dürfte es schwierig sein, sich dem zu entziehen, es sei denn, man bringt ein erhebliches Mass an Bedeutung, also auch an Souveränität, mit.» In manchen Berufen habe sich in der Vergangenheit eine nahezu inflationäre Verwendung des «Du» ausgebreitet und gehöre so gelegentlich geradezu zur Unternehmenskultur, mäkelt der «Knigge».

Eingebürgerte Du-Kultur
In manchen Unternehmen der Region hat sich die Du-Kultur eingebürgert. «Man und frau duzt sich in der Trisa», erklärt Sprecher Othmar Wüest. Der Trisa-Spirit sei der Garant für eine offene, respektvolle Kultur und da passe die Du-Form ausgezeichnet dazu. Schon am ersten Arbeitstag wird einander im Trienger Familienunternehmen das Du angeboten. «Die Lernenden haben ab und zu Hemmungen, das finde ich wiederum sympathisch», ergänzt Othmar Wüest.  Er sage ihnen dann: «Sie dürfen mir ab jetzt Du sagen.»


Flächendeckend gilt bei der Luzerner Kantonalbank seit April 2016 die Du-Kultur. Vom Lehrling bis zur Verwaltungsratspräsidentin. Mediensprecherin Ursi Ineichen erklärt: «Der Input kam von der Geschäftsleitung.» Durch die vielen interdisziplinären Projekte quer durch die Bank habe sich die Du-Kultur unkompliziert über Hierarchien und Altersgrenzen hinweg von alleine etabliert. Schliesslich habe kaum noch jemand gewusst, mit wem man per Du oder per Sie sei. «So hat die Geschäftsleitung die Du-Kultur beschlossen.» Sogar der Pensioniertenverein habe die Du-Kultur übernommen. «Auf expliziten Wunsch können Pensionierte aber auf dem ‘Sie’ bestehen», fügt Ursi Ineichen an.


Auch in der Calida in Sursee, bei der Gruppe sowie der Marke, duzten sich eigentlich alle, vom Lernenden bis zur Geschäftsleitung, verrät Mediensprecherin Antonia Adam. Dieser unkomplizierte und familiäre Umgang sei Teil der Firmenkultur, daher gebe es auch kein spezielles Ritual zum Beginn des Duzens. «Das wird ab dem ersten Arbeitstag so gehandhabt.» In den Gesellschaften in den anderen Ländern (Frankreich und Deutschland) sei das jedoch nicht so. Siezen und Duzen würden sich dort abwechseln.


«Grundsätzlich pflegen wir eine Du-Kultur im Campus Sursee», teilt Andrea Renggli, Verantwortliche für die Unternehmenskommunikation, mit. Das habe sich mit den Jahren so ergeben, ein Leitfaden bestehe aber nicht. Im Campus Sursee bieten in der Regel Vorgesetzte, die Person, die länger im Betrieb oder älter ist, das Du an. Meistens geschehe das direkt bei der Vorstellungsrunde neuer Mitarbeitenden. Spätestens am folgenden Mitarbeiterfest komme beim Anstos-
sen der passende Moment.  


Bei der Genossenschaft Migros gibt es keine Regelung. Der Standard ist jedoch das «Sie», führt Lisa Savenberg von der Unternehmenskommunikation aus. Viele Mitarbeitende, die sich kennen und regelmässig zusammenarbeiten, würden rasch Duzis machen. «Traditionellerweise bietet der Vorgesetzte das Du an.»

Bis nach der Lehrzeit beim Sie
Bei Otto’s bestehe keine Regelung, und jeder Mitarbeiter mache es so, wie er es gerne möchte, sagt Assistentin Angela Schnyder. In der Zentrale in Sursee seien die meisten per Du. Lernende beenden ihre Lehrzeit, bevor sie duzen. «Wir haben damit gute Erfahrungen gemacht», so Schnyder.


Am Luzerner Kantonsspital gebe es keine allgemein gültigen, unternehmensweiten Regeln, was die Anrede untereinander betreffe, erzählt Medienbeauftragte Simona Benovici. Jedem einzelnen Mitarbeitenden sei es überlassen, wann, mit wem und zu welchen Anlass er oder sie Duzis mache. Patienten werden gesiezt.


Auch die kantonale Verwaltung kennt keinen Codex. «Die Mitarbeitenden des Kantons orientieren sich an den gängigen Höflichkeitsregeln: Grundsätzlich siezt man sich, wie es in der Schweiz üblich ist», teilt der Kommunikationsbeauftragte Christian Hodel  mit. Je enger man zusammenarbeite, desto häufiger sei man per Du, auch über die Departemente hinweg. «Auch die Regierungsräte pflegen untereinander einen unkomplizierten Umgang und duzen sich», ergänzt er. Engen Mitarbeitenden werde das Du angeboten.

Klassen wollen keine Änderung
An der Kanti Sursee sei es üblich, dass sich alle Lehrerinnen und Lehrer duzen, auch die Schulleitung und die Administration sei mit allen per Du unterwegs, sagt Rektor Christoph Freihofer. «Das passiert in der Regel bei der ersten Begegnung nach einer Anstellung und geht von der Person aus, die bereits an der Schule ist.»


Die Schülerinnen und Schüler werden ab der 4. Klasse im Langzeitgymnasium gesiezt. Es gilt die Faustregel, dass man ab 16 Jahren siezt. Das werde aber nicht konsequent gemacht. «Es gibt Lehrpersonen, die mit der Umstellung vom Du auf Sie Mühe haben, und es gibt auch Klassen, die keine Änderung wollen», fügt Christoph Freihofer an.