Sie schenkten den Mädchen ein Zuhause

08.06.2018
Theo und Anita Bühlmann aus Büron sind eine Pflegefamilie der Caritas Schweiz. Durch sie bekamen zwei eritreische Mädchen ein behütetes Zuhause.

Sarah und Aida* leben seit eineinhalb Jahren als Pflegekinder bei der Familie Bühlmann in Büron. Sie besuchen dort die 5. und 6. Klasse. Aida, die Ältere der beiden, lernt Gitarre spielen, während Sarah gerne im Jugendchor singt. Geboren sind die beiden Schwestern in Eritrea. Aufgrund humanitärer Probleme floh die Familie jedoch in den Sudan. Die familiären Verhältnisse waren angespannt. Die Mutter der Geschwister verliess mit dem jüngsten Sohn die Familie. Die Mädchen blieben beim Vater. Im Alter von elf und zwölf Jahren zogen Sarah und Aida mit dem Einverständnis des Vaters los und schlossen sich einer Gruppe von Flüchtlingen an. Durch die Wüste, übers Mittelmeer gelangten sie nach Europa, denn dort hofften sie ihre Mutter zu finden, was bis heute nicht gelungen ist.

 

Theo und Anita Bühlmann haben zwei erwachsene Töchter. «Nachdem unsere älteste Tochter ausgezogen war, wurde es immer ruhiger im Haus», erzählte Theo Bühlmann. «Wir stellten uns die Frage: War es das jetzt? Setzen wir uns quasi zur Ruhe?» Im Pfarreiblatt stolperten sie über eine Caritas-Anzeige, die nach Pflegefamilien suchte. Bald darauf war die Entscheidung getroffen. «Die Caritas hat uns auf Herz und Nieren geprüft», so Bühlmann. «Sozialarbeiter kamen vorbei. Ausserdem benötigten wir die Bewilligung der Gemeinde, um ein anerkannter Pflegeplatz zu werden.» Nach ausführlicher Prüfung erwiesen sich die Bühlmanns als geeignete Pflegeeltern. Zwei Schulungstage bei der Caritas folgten, wo sie auf ihre Aufgaben vorbereitet wurden. «Wir haben gelernt, worauf wir uns einstellen müssen, wo wir an Grenzen kommen könnten, und wie wir Hilfe erhalten.»

Im November 2016 kam der Anruf. Die Caritas benötige für zwei junge Mädchen notfallmässig einen Pflegeplatz. Die Bühlmanns stimmten zu, woraufhin eine Caritas-Sozialarbeiterin die Geschwister nach Büron brachte. Da die Mädchen Tigrinya und nur wenig Englisch sprachen, konnten sie sich zu Beginn nur mit wenigen Worten und Gesten verständigen. Zusätzlich unterstützte eine Dolmetscherin die Familie in den ersten Wochen. «Es gab vieles, das man für ein funktionierendes Zusammenleben erst herausfinden musste», sagte Bühlmann. «Beispielsweise wie funktioniert das Zusammenleben? Müssen wir sie morgens wecken oder stehen sie selber auf? Was brauchen die Mädchen? Wo gibt es Probleme?» Fragen, die bei eigenen Kindern leichter zu beantworten sind.

 

«Bei den eigenen Kindern warst du auf dem ganzen Weg mit dabei. Du kennst ihre Geschichte von klein auf», sagte Bühlmann. «Und plötzlich sind da zwei Jugendliche, die du erst kennenlernen musst. Das war speziell.» Aida und Sarah gewöhnten sich schnell an ihr neues Leben. Sie besuchten regelmässig die Integrationsklasse in Geuensee, lernten fleissig Deutsch und wurden bald darauf in Büron eingeschult. «Sie sind sehr anpassungsfähig. Ich denke, das ist einer der Gründe, weshalb ihnen die Flucht gelungen ist», so Bühlmann. «Sie erfassen Situationen schnell, verhalten sich unauffällig und arrangieren sich. Es sind clevere und motivierte Mädchen.»

Doch auch Anita und Theo Bühlmann mussten lernen, sich anzupassen. Denn Aida und Sarah sind eritreisch-orthodoxe Christen. Am Mittwoch und Freitag ernähren sie sich vegan, vor kirchlichen Feiertagen fasten sie. «An die kulturellen Unterschiede mussten wir uns erst gewöhnen», sagt Bühlmann. «Sie haben andere Gewohnheiten, andere Hintergründe, eine andere Mentalität.» Wo etwa Jugendliche in der Schweiz die Eltern oft in Frage stellten, gelte für Aida und Sarah klar das Wort des Erwachsenen.

 

«Ob es nun die eigenen Kinder sind oder nicht, gefühlsmässig ist der Unterschied letztendlich nicht mehr gross», so Bühlmann. «Erstaunlich wie schnell das ging.» Eine Rückkehr nach Eritrea ist bis auf weiteres nicht möglich. Voraussichtlich werden die Schwestern bis zum 18. Lebensjahr und darüber hinaus bei der Familie bleiben. Die Mädchen haben den Status VAP (Vorläufig aufgenommene Person). Sie zurückzuschicken sei momentan keine Option, da man das Kindeswohl nicht garantieren könne. «Das ist auch besser so. Sie brauchen einen sicheren Ort, wo sie zur Schule gehen und eventuell eine Lehre machen können.»

 

Die Entscheidung, UMAS (unbegleitete minderjährige Asylsuchende) aufzunehmen, hatte für die Bühlmanns auch weltpolitische Gründe. «Kinder sollten nicht darunter leiden, wenn es in der Politik falsch läuft», ist Bühlmann überzeugt. «Dass es Flüchtlingen in ihrer Heimat immer schlechter geht, bis sie alles schmerzlich hinter sich lassen, hat mit weltwirtschaftlichen Strukturen zu tun, von denen wir in Europa profitieren. Kinder sind der Welt ausgeliefert, welche die Erwachsenen machen.» Flüchtlinge wie Aida und Sarah hätten keine Perspektiven gehabt. Sie und viele andere zogen es vor, eine riskante, strapaziöse Flucht auf sich zu nehmen, um irgendwo ein besseres Leben zu suchen. «Wir leben auf der Sonnenseite der Welt», so Bühlmann. «Wir wollen einen konkreten Beitrag leisten, um einen kleinen Ausgleich zu schaffen.»

*Namen von der Redaktion geändert.