Hummel, der Bienenflüsterer

15.05.2019, kul
Der Chnuteler Imker Severin Hummel versteht sein Handwerk. Er ist praktisch der Bienenflüsterer. Mit dieser Zeitung bestückte er vier Bienenvölker mit Königinnen, die er selbst gezüchtet hat. Zudem spricht er im Interview über das aktuelle Bienensterben.

Kaum geschlüpft und bereits Herrscherin eines Volkes. Noch unsicher auf den Beinen krabbelt die Königin über den Finger von Imker Severin Hummel. Vor etwa einer Stunde ist sie aus ihrer Honigwachszelle ausgebrochen. Früher als die drei anderen Königinnen, die noch in der Kühltasche schlafen. Sorgsam greift Hummel die Königin und steckt sie in ihre Zelle zurück. Sie ist bereit, ihre Arbeiterinnen und Gatten kennenzulernen.

Das Summen, das aus der Beute klingt, schwillt an, als Hummel den Deckel öffnet. «So laut summt nur ein Volk, das keine Königin hat», sagt er.An dem mit Waben gespickten Brutrahmen tummeln sich dutzende Bienen. Kurzerhand steckt er die Zelle auf einen mit Brut besetzten Rahmen und deckt die Beute wieder zu. An der Königin liegt es nun, ein neues Volk zu schaffen.

 

Respekt vor der Sache

Mit einem Stumpen im Mundwinkel und einer Mini-Kühltasche in der Hand läuft Severin Hummel durch den Bienengarten. In der Tasche hat er drei weitere Bienenköniginnen, die in den nächsten Stunden schlüpfen werden. Eine nach der anderen setzt er sie in verschiedene Beuten. Handschuhe trägt er dabei nicht. Auch keiner dieser Astronautenanzüge, wie man sie im Fernsehen sieht. «Die Medien zeigen ein falsches Bild», so Hummel. «Wenn man sich schützen muss, hat man keinen Respekt vor der Sache. Und wenn man keinen Respekt hat, kommt vom Gegenüber nichts Gutes zurück. Wie bei den Menschen.»

Er zieht am Stumpen und bläst den Bienen den Rauch entgegen. Daraufhin ergreifen einige die Flucht. Einzelne Bienen, die noch am Brutrahmen kleben, schiebt er sanft beiseite. Als spürten sie seine Absicht, lassen sie ihn gewähren. Einmal wird er gestochen, doch Hummel zuckt nicht mal mit der Wimper.

 

 

Nummer 43 ist die Älteste

Hummel zieht einen Brutrahmen aus der Beute und sucht im Gewirr aus Bienen nach 43, seiner ältesten Königin. Die Nummer auf ihrem Panzer macht sie im Bienenschwarm leicht erkennbar. Mit ihren fünf Jahren ist sie nicht mehr so tüchtig wie die anderen. Hummel behält sie, damit sie ihre guten Gene an neue Königinnen weitergeben kann. Früher oder später wird sie durch eine neue Königin ersetzt.

Anders als in richtigen Monarchien, wird die Biene nicht durch familiäres Erbe zum Staatsoberhaupt gekürt. In der freien Natur entscheiden die weiblichen Arbeiterbienen, wann die Zeit reif ist für eine neue Königin. Im Imkerbetrieb ist es der Imker, der die Königinnen heranzüchtet. Eine Larve wird in eine Weiselzelle gesetzt und von den Arbeiterinnen mit Gelée Royale gefüttert. Dieser von den Bienen produzierte Saft lässt die Larve zu einer überdurchschnittlichen Grösse heranwachsen und macht sie fruchtbar. Gewöhnliche Arbeiterbienen sind unfruchtbar. Nach dem Schlüpfen wird die Königin innert vier Tagen geschlechtsreif und begibt sich auf Begattungsflug. Nach zwei bis drei Wochen legt sie die ersten Eier.

 

 

 

Angst vor bösen Bienen

Mit den Bienen ist Hummel aufgewachsen. Bereits als Kind half er der Grossmutter und dem Vater beim Imkern. Angst habe er, wenn dann nur vor den «böseren» Bienen gehabt. Mittels Auslese könnten diese Eigenschaften aber weggezüchtet werden.

Als Severin Hummel 13 Jahre alt war, verstarb sein Vater. Die um die 100 Bienenvölker gingen auf ihn und seinen Bruder über. «Es hiess dann, Verantwortung zu übernehmen. Die Verantwortung gegenüber dem Tier», sagt Hummel. Der Grossvater mütterlicherseits griff den Brüdern unter die Arme, half, wo er konnte, während die Brüder die Lehre machten. Jahre später, als dem Grossvater die Kraft für die eigenen Bienenvölker ausgeht, hilft ihm Hummel mit den Bienen.

 

Bis zu 7000 Kilo Honig

Aus der vererbten Verantwortung wurde für Hummel mit den Jahren ein Mittel zur Selbstverwirklichung. «Beim Imkern kann ich die Ruhe finden. Ich kann alles vergessen. Wie Meditation», sagt er. «Nur mit der Ruhe kann ein Imker arbeiten, wie er sollte. Sonst wird er von den Bienen zurechtgewiesen.»

Mittlerweile bewirtschaftet er über 500 Bienenvölker. Daraus gehen im Jahr zwischen 2000 und 7000 Kilo Honig hervor. Je nach Witterungsverhältnissen. 2011 war mit einer besonders guten Früh- und Waldtracht bisher sein Rekordjahr. Dieses Jahr sehe es aufgrund des Kälteeinzugs Anfang Mai eher weniger gut aus, so Hummel.

Doch seine grösste Einnahmequelle ist nicht der Honig, sondern die externen Aufträge. Er züchtet und verkauft Königinnen sowie Jungvölker an andere Imker. Pro Bienenvolk muss er mit Kosten von bis zu 1000 Franken rechnen. 250 für die Bienen, 500 für die Beute und das restliche Geld für Infrastruktur und Arbeit. Wer imkern wolle, brauche vor allem eines: Fleiss und Konstanz über Jahre hinweg. «Hat man dies, wird man auch belohnt.»

 

Zur Person:  Der gebürtige Chnuteler Severin Hummel ist 41 Jahre alt und wohnt in Triengen. In seiner Imkerei in Knutwil bewirtschaftet er über 500 Bienenvölker. Über die Frühlings- und  Sommermonate ist er mit seinen Bienen unter anderem im Jura, Tessin, Untertrübsee, Unteralp und auf der Oberalp anzutreffen. Dadurch entstehen die verschiedenen Honigsorten. Hauptberuflich ist er seit 15 Jahren als Käsermeister bei der Emmi in Dagmersellen tätig. Nebst Imker und Käser ist er Betriebskontrolleur und Zuchtberater für das Gold- und Siegelprogramm. Das Siegel von Apisuisse, dem Dachverband der schweizerischen Bienenzüchtervereine, stellt die Qualität und schonende Verarbeitung von Honig sicher.

 

 

Interview: Keine Bienen, kein Leben

 

Albert Einstein sagte einmal: «Wenn die Biene einmal von der Erde verschwindet, hat der Mensch nur noch vier Jahre zu leben. Keine Bienen mehr, keine Bestäubung mehr, keine Pflanzen mehr, keine Tiere mehr, keine Menschen mehr.» Wie sehen Sie das, Severin Hummel?

Man darf es nicht bloss auf die Honigbiene herunterbrechen. Man muss erkennen, dass das gesamte Ökosystem auf dem Fundament der Blütenpflanze aufgebaut ist. Ohne die Blütenpflanze wäre auf diesem Planeten nicht dieses Leben entstanden. Die Bienen und Insekten leisteten einen grossen Beitrag dazu, wie die Welt heute ist. Eine Artenverarmung wäre am Ende fundamental und hätte irgendwann negative Auswirkungen auf die Lebensmittelproduktion.

 

Irgendwann, aber nicht in bereits vier Jahren?

Vier Jahre sind überspitzt gesagt. Aber es ist ein wesentlicher Anteil. Ungefähr ein Drittel der Lebensmittel hängt direkt von der Bestäubung ab.

 

Was muss sich verändern um die Bienen zu schützen?

Wir müssen mehr Wert auf Biodiversität legen. Jeder Imker sollte ein Botschafter in diese Richtung sein. Wir müssen Verantwortung übernehmen. Alles hat sich in den vergangenen 60 Jahren so entwickelt, weil es uns zu gut geht. Es muss auch ein Umdenken in unserem Konsumverhalten stattfinden. Wir sind meiner Meinung nach erst bei der Geburt des Umdenkens angelangt.

 

Welche Rolle spielt das Konsumverhalten der Menschen?

Es wird viel über die industrielle Bienenhaltung in Amerika gesprochen, über lange Transportwege und Antibiotika, die den Bienen schaden. Der Film «More than Honey» zeigt diese Probleme beispielsweise gut auf. Aber man muss auch verstehen, wer überhaupt schuld daran ist, dass auf diese Weise produziert werden muss. Dass Massnahmen wie Pflanzenschutzmittel und Insektizide angewendet werden müssen, die wiederum den Bienen schaden. Denn nur so entsteht der Ertrag, den der Mensch will.

 

Was kann die Einzelperson unternehmen, um die Bienen zu unterstützen?

Viel. Wenn sie will. Es fängt in den Hausgärten an. Die Rasen sind zu gepflegt. Wildblumenwiesen unterstützen die Bienen. Oder bienenfreundliche Pflanzen wie Feuerball, Faulbaum, Bienenbaum, Himbeeren oder Heidelbeeren. Anstelle einer normalen Hecke könnte man eine Ligusterhecke anpflanzen. Diese hat sehr hohe Trachtwerte. Und den Honig beim lokalen Imker einzukaufen hilft auch.

 

Was ist mit einem Bienenhotel?

In Bienenhotels nistet nur ein geringer Anteil aller Bienen. Viel wertvoller sind Sand- und Steinhaufen in den Gärten. Steine, wenn lose aufeinander geschichtet, bilden Hohlräume, in denen die Bienen nisten können.

 

Hat die Region zu wenig Blütenpflanzen?

In gewissen Jahren, wenn der Wald nicht blüht, haben wir durchaus ein Problem. Beispielsweise gibt es jährlich Ende Mai eine Trachtlücke, wodurch weniger Nektar und Pollen vorhanden sind. Sobald die Natur verblüht, ist die Region im Prinzip eine grüne Wüste. Es sind dann fast keine Blütenpflanzen mehr vorhanden. Die Pollenversorgung ist aber wesentlich für die Gesundheit des Bienenvolks. Deshalb gehe ich mit den Bienen wandern in die Höhe.

 

Wohin wandern Sie?

An den Untertrübsee. Dort blüht es Ende Mai. Oder auf die Oberalp im Juni. Von dort nehme ich den Alpenrosenhonig. Irgendwie muss man der grünen Wüste ausweichen. Mitte September hole ich die Bienen wieder nach Hause. Livia Kurmann