In «seiner» Kirche geht die Post ab

29.12.2018, moc
Claudio Tomassini suchte eine lebendige Pfarrei – und fand sie in Sursee. Als Gemeindeleiter der Pfarrei St. Georg muss Claudio Tomassini Spannungsfelder aushalten. «Gut so!», meint er. Spannungsfelder seien positiv und fruchtbar für den Dialog. Er ist «Mensch Sursee» 2018.

Claudio Tomassini spricht gerne in Bildern. Etwa über die Kirche. Eine ewige Baustelle nennt er sie. Eine Kathedrale im Bau. Das Arbeiten an dieser «Bauhütte», das Renovieren, das Schaffen neuer Räume seien dauernde Aufgaben. Von ihm, den Mitarbeitenden der Pfarrei St. Georg, aber auch vom neu zu schaffenden Pastoralraum Region Sursee, dem Claudio Tomassini als Projektleiter seit diesem Jahr vorsteht.

Dabei gehe es immer wieder darum, Heimat zu schaffen. Heimat für Menschen, die an ganz unterschiedlichen Orten im Leben stünden. «Für die Kirche ist die vielfältige Welt des 21. Jahrhunderts eine Herausforderung. Doch jeder hat auf seine Art und Weise Platz», sagt Tomassini und zeichnet ein weiteres Bild. Es gebe Leute, die in der Kirche ganz vorne sässen. Andere, die sich hinten beim Ausgang zwischen die Bänke quetschten. J

ene, die, versteckt hinter einer Säule, dem Gottesdienst lauschten. «Alle sind wichtig, alle gehören dazu, nach vorne drängen will ich niemanden», sagt der Pfarreileiter. «Gott ist dann am glücklichsten, wenn alle zufrieden am Tisch sitzen.»


Eine Aufgabe fernab von Routine
Um Heimat geht es auch in Claudio Tomassinis Leben. Spricht Tomassini, verrät sein Akzent seine erste, sein Name seine zweite Heimat. In den Sechzigerjahren kam sein Vater Adriano aus Poggio Rusco, einem kleinen lombardischen Bauerndorf, in die Schweiz – der Liebe zu Claudio Tomassinis Mutter Margrith wegen.

Zusammen mit seinem Bruder Lorenzo wuchs Claudio Tomassini in Kleinbasel hinter den sieben Gleisen des Badischen Bahnhofs in der Pfarrei St. Michael auf. An den genauen Zeitpunkt, als er zum ersten Mal mit der Kirche und dem Glauben in Kontakt kam, erinnert sich Tomassini nicht mehr. Nur zu gut erinnert er sich aber daran, dass «dort die Post abging».

Die Zeit als Jungwächtler, Ministrant, Jugendvertreter im Pfarreirat oder in der Jugendgruppe sei eine prägende gewesen, sagt Tomassini rückblickend. «In den Lagern durfte ich vieles erleben, diese Lebendigkeit gefiel mir und beeindruckte mich. Mitgenommen habe ich gute Erinnerungen und Freundschaften, die heute noch Bestand haben.»


Trotzdem: Claudio Tomassinis Lebensweg war nicht vorgezeichnet. «Hätte ich nicht Theologie studiert, wäre ich heute Arzt», denkt er mit einem Schmunzeln an sein Schwanken damals zurück. Medizin und Theologie seien beide zum Wohle der Menschen da – «eine sinnvolle und schöne Aufgabe, fernab von jeder Routine», meint Tomassini.


«Keine Angst vor dem Fremden»
2014 kam Claudio Tomassini als Pfarreileiter nach Sursee. Hier traf er auf eine Pfarrei, wie er sie aus seiner Jugend kannte: lebendig und ausstrahlend. «So hat Jesus seine Kirche doch gemeint, oder?», fragte er sich damals. Als Pfarreileiter nehme die Kommunikation einen grossen Teil seiner Zeit in Anspruch, sagt Tomassini.

Er begleite und motiviere die Mitarbeitenden der Pfarrei, darunter 70 Festangestellte und zahlreiche Freiwillige, stärke ihnen den Rücken, gebe neue Impulse, um miteinander wach zu bleiben.


Dabei ist die Liturgie nur eine Seite seines Jobprofils, wie es auf Neudeutsch heisst. Claudio Tomassini lädt Nasa-Forscher zum Gespräch über Gott und die Welt ein, segnet renovierte Georgsstatuen ein, lädt zusammen mit der Erwachsenenbildung zum Männerwandern mit Jesus, schöpft auf dem Martigny-Platz Freitagssuppe, spendet Töfffahrern und Jublanern seinen Segen und und und …


Bisweilen staunt Tomassini über den kleinen Kosmos der Pfarrei: Im November feierte die Frauenliturgiegruppe der Pfarrei St. Georg ihr 30-Jahr-Jubiläum. Vor Kurzem eröffnete im Kloster Sursee ein Versöhnungsweg für Erwachsene. «Es gibt bei uns viele neue und offene Formen der Kirche. Wichtig ist, dass die Pfarrei im steten Dialog bleibt – mit sich und mit anderen Religionen», sagt Tomassini.

Als Beispiel führt er die tibetischen Mönche an, die heuer zweimal in Sursee zu Besuch waren und interessierte Zuschauer in die Geheimnisse der Mandalas einführten. «Wir müssen keine Angst haben vor dem Fremden, deswegen kippt unser Weg nicht. Spannungsfelder können positiv und fruchtbar sein», sagt der Pfarreileiter.


Andere Wege sind in Ordnung
Spannendes erlebt Claudio Tomassini auch, wenn er mit Menschen zu tun hat, die der Kirche den Rücken zudrehen. Vor Kurzem, als er am Vorbereiten eines Gottesdiensts gewesen sei, habe ihn ein junger Mann angerufen, der aus der Kirche austreten wollte, erzählt Tomassini. «Über seine Beweggründe wollte er vorher mit mir sprechen.»

Der Mann sei baff gewesen, dass sich der Gemeindeleiter spontan und zu später Stund Zeit für ihn genommen habe. «Bis heute musste ich seinen Austritt nicht entgegennehmen», sagt Tomassini.
Der Pfarreileiter zeigt sich beeindruckt ob der Überzeugung und Achtsamkeit, welche diese Menschen – oft sind es junge – an den Tag legten.

So beeindruckt, dass er demnächst mit Blick auf den Pastoralraum eine Arbeitsgruppe ins Leben ruft, die das Problem der Austretenden reflektiert. «Ich bin überzeugt, dass diese Leute uns etwas zu sagen haben. So weit auseinander liegen unsere Vorstellungen, was im Leben und in der Kirche wesentlich ist, oft gar nicht. Und will jemand einen anderen Weg einschlagen, ist das seine persönliche Freiheit und in Ordnung», hält Claudio Tomassini fest.


Vieles liegt nicht in seinen Händen
Als Seelsorger der Pfarrei begleiten Claudio Tomassini Schicksale: Besuche am Sterbebett, bei Familien, wo Elternteile oder Kinder gestorben sind. Dieses Jahr habe es viele schlimme Schicksale gegeben, oft in Familien mit Kindern: «Es ist ein Elend, himmeltraurig. Mit einem kleinen Besuch können wir ein Zeichen setzen, doch als Seelsorger möchte man hier viel mehr machen», bekundet Tomassini.


Umso wichtiger sei es, dass er sich als Pfarreileiter Kraft und Zeit für die Seelsorge offen halte, solche Ereignisse geschähen oft ohne Vorankündigung. Seine Ohnmacht muss er bisweilen aber akzeptieren: «Nicht alle Probleme kann ich lösen, das braucht viel Vertrauen. Es gibt Momente, in denen man nicht einfach singend und pfeifend nach Hause gehen kann», sagt Tomassini.

Das sind jene Momente, in denen er abends das Pfarrhaus verlässt und in der Kirche eine Kerze anzündet – «getragen im Wissen darum, dass letzlich vieles nicht in meinen Händen liegt.»