Wenn aus «Anke» plötzlich «Butter» wird

26.09.2018, Fabian Zumbühl
Der Frauenbund Sursee lud vergangene Woche zum Vortragsabend über Mundarten ein. Mundartsforscher Christian Schmid nahm das Publikum mit auf eine spannende Reise in die Welt eines sich stetig veränderndes Kulturguts.

«Lööt mi la aafaa mit ere Gschicht», eröffnete Christian Schmid den Vortragsabend zum Thema Mundarten im Kloster Sursee mit seiner aus dem Radio bekannten Stimme. Die Geschichte handelte von einem Mönch, der vor über tausend Jahren in einem Kölner Kloster die Ostergeschichte übersetzte. «Und das war ein Krampf, da es viele der lateinischen Wörter im Deutschen noch nicht gab.»

Latein gab «e gwautige Mupf»
Die Kreativität des Mönchs war also gefordert. Und nicht nur die seine: Es sei unerhört, wie die Mönche im frühen Mittelalter den Wortschatz in der deutschen Sprache erweitert hätten, erklärte Schmid. Aber schon Jahrhunderte zuvor habe die Sprache unserer germanischen Vorfahren durch das Latein der Römer «e gwautige Mupf übercho»: Ohne das lateinische «fenestra» kein Fenster, ohne «murus» keine Mauer, ohne «caseus» und «vinum» kein Käse und kein Wein.
Nach dem Mittelalter, in der Zeit der Renaissance, hätten die Gelehrten den Wortschatz in Bildung und Wissenschaft mit dem Griechischen angereichert. Und noch später sei dann das Französische «en mode» gewesen. An zahlreichen Beispielen zeigte Schmid anschaulich auf, wie Wörter aus anderen Sprachen ihren Weg ins Deutsche gefunden haben. «Ohne diese ständige Anreicherung und Erneuerung wäre die deutsche Sprache eine armselige», kommt Schmid zum Schluss.

Englisch und Deutsch präsenter
Sprachen verändern sich laufend. Ein starker Antrieb zur Sprachveränderung sei beispielsweise der Sprachkontakt, das Aufeinandertreffen von Gemeinschaften. Im Zeitalter einer global vernetzten Welt mit all ihren Kommunikationstechnologien würden die Grenzen zwischen den Dörfern, Stadt und Land schwächer, brächen ein oder seien gar verschwunden. «Heute ist Englisch die Weltsprache Nummer eins», sagt Schmid und fügt hinzu, dass sein Jahrgang noch in einer Welt aufwuchs, in der das Französische Leitkultur gewesen sei. Heute spiele das Französische in der Kultur der Jungen keine Rolle mehr.
Geändert habe sich aber auch die Einstellung gegenüber dem Schriftdeutschen. In der Schule, am Radio, im Fernsehen: Noch nie sei Schriftdeutsch in der Deutschschweiz so präsent gewesen wie heute, erklärt Schmid. Habe man vor rund 70 Jahren Mundart und Schriftdeutsch aus ideologischen Gründen noch streng getrennt, habe sich die Abwehr gegen das Deutsche vor allem bei den jüngeren Generationen abgeschwächt oder sei ganz verschwunden. «Heute geht es weniger um nationales Gedankengut als dass man einfach verstanden werden möchte.»

Wortschatz muss up-to-date sein
Was sich bei unseren Mundarten am auffälligsten verändere, sei der Wortschatz, erklärte Schmid.  «Mit unseren Mundarten müssen wir in der Welt von heute zurecht kommen. Den Sprung in die moderne Welt haben die Mundarten nur geschafft, weil sie quasi jedem schriftdeutschen Wort und allen gängigen  englischen Ausdrücken einen eigenen Ton verpassen können.» Beispiele dafür seien «Aschtronaut», «Tömbler» oder «Früschhautephackig». «Möchte man für alles Neue auch neue Mundartwörter, müsste man sie erfinden und sie bewusst gegen das Schriftdeutsche und das Englische verwenden. Und wer will das heute schon?»


Brigitta Cefalo-Grüter vom Frauenbund Sursee mit dem bekannten Mundartspezialisten Christian Schmid im Refektorium des Klosters Sursee. (Foto: fz)


«Bäik» ist trendiger als «Velo»
Andererseits würden alte Wörter verschwinden, weil es das, was sie bezeichnen, im Alltag nicht mehr gebe. Beispiele dafür finde man gerade in der Landwirtschaft und im Handwerk etliche. Einige Mundartwörter verschwänden nach und nach, da beispielsweise mit neuen Produktnamen das schriftdeutsche Wort stärker und damit das Dialektwort zur Seite gestossen werde. So verwandle sich der «Anke» zur «Butter», weil viele «Chochbutter» und «Chrüterbutter» sagen. «Chochanke» höre man zwar da und dort, doch «Chrüteranke» habe er noch nie gehört, sagt Schmid.
Der Gebrauch von Mundartwörtern verändere sich aber auch, weil ihr Klang nicht mehr zeitgemäss oder zu wenig vornehm wirke. So werde der «Pöschteler» zum  «Briefträger» und aus dem «Velo» werde das trendigere «Bäik».

Es fehlt eine Mundart-Institution
Dass sich Sprachen verändern, sei völlig normal, so das Fazit des Mundartspezialisten. «Über die Veränderungen, die aufgrund des Fortschritts in unseren Dialekten nötig sind, sollte man nicht jammern. Wir sind es, die unsere Welt und damit die Sprachen verändern.»
Einig waren sich Schmid und seine Zuhörer am Schluss der Veranstaltung auch darin, dass die Mundart seit einigen Jahren gerade bei Buchautoren und Musikern stark in die Mode gekommen sei. Schade findet Schmid jedoch, dass es im Gegensatz zur deutschen Schriftsprache keine Institution gebe, in der man wissenschaftlich über Mundarten reflektieren und diskutieren könne: «In der Sprachwissenschaft beschäftigt man sich zwar mit Mundarten, aber nicht in der Literaturwissenschaft», moniert Schmid. «Dabei handelt es sich um eine Sprache, die wir tagtäglich von morgens bis abends sprechen. Das ist verrückt.»

Das Wort der Woche aus dem «Soorser Wöörterbüechli»

«Finöggu», «Tontirozzete» oder «Törligiiger»: Das «Soorser Wöörterbüechli» ist die Referenz dafür, wie man Mundartwörter in und um Sursee schreibt. Die «Surseer Woche» publiziert jeweils unter www.surseerwoche.ch und neu auch in der Printausgabe unter der Rubrik «Unsere Woche» das «Wort der Woche».
Das 1999 erschienene (und inzwischen vergriffene) «Soorser Wöörterbüechli» wurde von Claudio Hüppi (†) herausgegeben und umfasst rund 5000 Vokabeln und 2000 Redewendungen. (fz)

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