Kaum eine Bahnunterführung in der Region ist noch unbefleckt. Von Crew-Namen über Sportvereine bis zu Hassbotschaften – die Variation der Schriftzüge ist gross. Ob Kunstwerk oder Schandfleck – eines haben die meisten Sprühereien gemeinsam: Sie entstehen im Schutz der Dunkelheit und unter Zeitdruck.

«KLRZ» sprühte 2018 ein Zitat der «Surseer Woche» ans Bahngleis.
Foto Facebook
«Illegale Schmierereien sind hässlich und lästig», schrieb diese Zeitung 2018 – die Graffiti-Crew KLRZ griff das Zitat auf und sprühte es an ein Bahngleis. Daran erinnert sich auch Sven Stalder – der Surseer Künstler setzt sich für einen verantwortungsvollen Umgang mit Graffiti ein. Seit über 20 Jahren sprüht er an legalen Stellen und führt Workshops mit Kindern und Jugendlichen durch. Trotzdem löst die Aussage gemischte Gefühle beim 35-Jährigen aus: «Folgt man dieser Logik, müsste man im Umkehrschluss behaupten: Alle Wandmalereien werden von allen Menschen als schön empfunden. Eine ebenso dogmatische Position, die zeigt, wie verkürzt ein solches Kunstverständnis ist.»
Erstmals mit Graffiti in Berührung kam Stalder in den 1990er-Jahren auf der Autobahn. Von der Rückbank des Opel Vectra seiner Eltern aus bestaunte er die Farbtupfer an Lärmschutzwänden und Brückenpfeilern. «Wer macht das?», fragte er sich. «Und welche Techniken stecken dahinter?»

Dieses «Piece» malte Sven Stalder 2024 im Innern des Kulturhauses Fruchthof.
Foto zVg
Von der Hip-Hop-Kultur fasziniert, hielt Stalder mit 14 Jahren erstmals eine Sprühdose in der Hand. Im damaligen Surseer Jugendzentrum «Zofj» sammelte er erste Erfahrungen. «Anfangs war es auch mühsam, Farbe verschmierte und ich musste von vorn anfangen. Die gute Technik kam erst mit viel Training.» Auch die Graffiti-Jams beim Kulturwerk 118 prägten ihn. «An den Szene-Treffs konnte man mit erfahrenen Sprühern connecten, ihnen zuschauen und lernen.»
Mehr Polizei – weniger Respekt
«In den 2000er-Jahren gab es in Sursee eine aktive Graffitikultur», erinnert sich Stalder. Namen wie Paix, TWR, NSR, GXB und DNMT prägten die Stadt – die Künstler waren kontinuierlich präsent und feilten an ihrer eigenen Handschrift. «Diese Qualität gibt es heute kaum noch», meint Stalder. «Nur noch wenige planen Pieces sorgsam im Sketchbook und entwickeln dabei einen eigenen Style. Es fehlt der Elan, alles ist kurzlebiger.»
«In den 2000er-Jahren gab es in Sursee eine aktive Graffitikultur.»
Heute sind insbesondere die vielen FCL-Schriftzüge in der Region präsent. «Fussballgraffiti sind aus meiner Sicht kulturelle Aneignung – mit ursprünglichem Style Writing hat das nicht viel zu tun», sagt Stadler. Nicht nur Stromkästen und Unterführungen, auch historische Fassaden und Privathäuser werden vermehrt zur Zielscheibe. «Das finde ich wirklich schade», sagt Stadler. Auch der Respekt gegenüber anderen Künstlern schwindet. «Crossing», das Übermalen eines bestehenden Graffitis, war früher ein Tabu. «Heute sprühen viele achtlos über fremde Bilder.»
Einen möglichen Grund für die sinkende Qualität sieht Stalder in der intensivierten Fahndung. «Die Polizei ist heute sehr versiert. Kameras sind überall, Drohnen kreisen über den Bahngleisen, jeder kleine Tag wird dokumentiert.» Wer auffliegt, muss, je nach Umfang des Werks, mit Geldstrafen im fünf- oder sechsstelligen Bereich rechnen. «Ein riesiger Rattenschwanz.»
Alternativen zur Illegalität
Kein Wunder, haben etablierte Künstler wie Sven Stalder kaum Lust auf Nacht- und Nebelaktionen. «Viel lieber nehme ich mir Zeit für meine Werke, mache mir Gedanken.» In den letzten Jahren konnte Stalder dutzende Projekte realisieren, darunter Murals beim Stadion Schlottermilch und dem Kulturhaus Fruchthof. In seiner Sursee-Ritus-Trilogie vereinte er 2019 Traditionen der Stadt und Graffiti-Elemente auf Leinwand. Bei zahlreichen Workshops gestaltete er gemeinsam mit Kindern und Jugendlichen Bahnhofunterführungen und Treffpunkte in der Region neu.

Sven Stalder führt Graffiti-Workshops mit Kindern und Jugendlichen durch. Hier 2018 beim Metro Sursee.
Foto Manuel Arnold/Archiv
Für kriminellen Sprayer-Nachwuchs sorgen Stadlers Kurse nicht. «Prävention spielt eine grosse Rolle, ich führe den Jugendlichen die Folgen von illegalen Graffitis vor Augen.» Stadler präsentiert auch Alternativen: «Jugendarbeiterinnen und Jugendarbeiter sind engagiert, auf Nachfrage helfen sie bei der Organisation neuer Flächen. Weiter gibt es Orte, wo jeder malen darf.» In Emmenbrücke etwa gibt es gleich zwei «Hall of Fame’s». «Dort sprühen sowohl langjährige Künstler als auch Neulinge Seite an Seite. Ein interessanter Ort mit vielen guten Kunstwerken.»
«Gäbe es legale Angebote, würden unerwünschte Schmierereien abnehmen.»
«Hier vor Ort fehlen Orte für legales Graffiti», stellt Sven Stalder fest. «Gäbe es legale Angebote, würden unerwünschte Schmierereien abnehmen. Die Stadt Sursee könnte problemlos sämtliche Unterführungen freigeben.» Umgestaltet werden diese so oder so – egal ob mit oder ohne Erlaubnis.

