Früher wurde Asbest aufgrund seiner grossen Festigkeit, einer hohen Hitze- und Säureresistenz, der hervorragenden Dämmeigenschaften sowie aufgrund des natürlichen Vorkommens häufig als Baustoff verwendet. Dass lose Asbestfasern enorme gesundheitliche Auswirkungen haben können, wurde erst später bei weiteren Nachforschungen bekannt. Grundsätzlich müssen Baustoffe vor der Einführung auf den Markt geprüft werden. In der Schweiz gibt es diverse Prüfstellen, die dafür vom Bund – bei der Schweizerischen Akkreditierungsstelle SAS – eine Zulassung erhalten haben. Geprüft werden aber vor allem Fähigkeiten, die für den Bau eines Hauses relevant sind. So etwa die Druckfähigkeit einer Betonmischung: Wenn das Verhältnis nämlich nicht stimmt, wirkt sich das auf die Tragfähigkeit der Wände und Decken aus. «Man muss aber längst nicht alles prüfen. Es ist nicht strikt vorgeschrieben, dass man Beton vor der Verwendung prüft. Auch Fertig- oder Halbfertigprodukte werden auf die Baustelle geliefert und direkt eingebaut. Es kommt also massgeblich auf die Bauherrschaft an, ob geprüfte oder ungeprüfte Materialien verwendet werden», erklärt Albin Kenel, Studiengangleiter Bachelor Bauingenieurwesen am Departement Technik & Architektur der Hochschule Luzern. Laut dem Professor gibt es für die Verwendung von Baustoffen gewisse normative Anforderungen, die erfüllt werden müssen. Dennoch kann es mitunter sein, dass auf der Baustelle mit Baustoffen gearbeitet wird, die potenziell gesundheitsschädlich sein können. «Das ist wie, wenn man etwas auf Temu bestellt, es liegt in der Verantwortung der bestellenden Person, sich über die Inhaltsstoffe des Produkts schlau zu machen», so Albin Kenel.
Was «geprüft» wirklich heisst
Auch die HSLU betreibt ein akkreditiertes Baustoffprüflabor. Wie geprüft wird, ist laut Albin Kenel durch harmonisierte europäische oder schweizerische Normen stark reglementiert, aber auch wenn Baustoffe vor der Verwendung auf dem Markt durch akkreditierte Prüfstellen geprüft werden, hängt es von den Auftraggebenden dieser Prüfung ab, wie mit den Ergebnissen davon verfahren wird. Albin Kenel erklärt: «Bei vielen Prüfungen heisst es nur ‘geprüft an der HSLU’, das bedeutet aber nicht, dass das Produkt sämtliche notwendigen Kriterien erfolgreich erfüllt hat. Sie können mir also ein Produkt schicken, ich prüfe es und es besteht keinen einzigen Test, und Sie dürfen trotzdem hinschreiben ‘geprüft durch die HSLU’. Das kann irreführend sein.»
Aktiv während des Bauprozesses geprüft werden oft Stoffe wie Beton, da dieser auf der Baustelle verarbeitet wird. Bei allen weiteren Baustoffen wie zum Beispiel Dämmungen kann man laut Albin Kenel davon ausgehen, dass diese bereits von der Herstellerfirma ausreichend geprüft und zertifiziert sind. Dass in den 60er-Jahren die Wunderfaser Asbest entdeckt wurde, kam zur Nachkriegszeit während des Baubooms sehr gelegen. Die hervorragenden Eigenschaften von Asbest reichten aus, um ihn in grossen Mengen zu verbauen. «In dieser Zeit hat man auch angefangen, sehr viel mehr mit Klebstoffen zu arbeiten. Wenn man heute Lösungsmittel von Klebstoff riecht, denkt man sich automatisch: Das ist nicht gesund, eventuell braucht es eine Maske. Damals war das aber kein Alarmsignal, auch beim Asbest fehlte einfach die Sensibilisierung», sagt Albin Kenel. Laut dem Professor kann es auch heute passieren, dass Materialien verwendet werden, die sich später als gesundheitsschädigend herausstellen. Das gilt aber vor allem für Mischprodukte. Ganze Wand- oder Deckenaufbauten bestehen aus vielen verschiedenen Baustoffen. «Obwohl die einzelnen Ausgangsprodukte ungefährlich sind, könnten sie in Kombination problematisch sein. Wir können schlicht nicht vorhersehen, wie Stoffe langfristig miteinander reagieren», so Albin Kenel. Und alle Möglichkeiten zu testen, sei ebenfalls unmöglich. Umso wichtiger ist daher die Erforschung eines Baustoffs, bevor er in den Markt eingeführt wird.

