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«Mein Herz würde am liebsten alle aufnehmen»

Stefanie Zumbach 02. September 2026

Am kommenden Wochenende laden die Schweizer Lebens- und Gnadenhöfe zu den Pro-Tier-Hoftagen ein. Sie öffnen ihre Türen für Interessierte, so auch der Lebenshof Aurelio in Büron. Welches Leben die Tiere auf dem Hof führen, zeigt sich bei einem Besuch.

Am kommenden Wochenende laden die Schweizer Lebens- und Gnadenhöfe zu den Pro-Tier-Hoftagen ein. Sie öffnen ihre Türen für Interessierte, so auch der Lebenshof Aurelio in Büron. Welches Leben die Tiere auf dem Hof führen, zeigt sich bei einem Besuch.

Hühner picken auf dem Boden herum. Sie suchen nach Körnern. Zwischen den Hühnern auf dem Vorplatz des Lebenshofs Aurelio hocken Claudia und Beat Troxler. Ihnen gehört der Lebenshof Aurelio, der noch vor sechs Jahren ein handelsüblicher Hof mit Nutztierhaltung war. Doch Claudia und Beat Troxler wollten die Tiere nicht mehr als Nutztiere halten, so wandelte sich der Hof zu einem Lebensraum für Tiere, die ein Zuhause suchen. Ob Rinder, Schweine oder Alpakas: Alle rund 90 Tiere haben ihre eigene Geschichte in der Nutzlandwirtschaft erlebt und nun ein friedliches Leben in Büron gefunden.

Claudia und Beat Troxler schauen den Hühnern beim Picken zu. «Frau Müller», ein Huhn, das vor einem Jahr hier aufgenommen wurde, schaut sich neugierig in der Gegend um. Die Hühner können sich frei bewegen. Jedes einzelne Huhn hat einen eigenen Namen. Claudia und Beat Troxler kennen sie alle. «Manchmal gerate ich wegen der Namen der Hühner ins Straucheln, aber Claudia hilft mir dann», sagt Beat Troxler lachend, und Claudia ergänzt: «Die Hühner liegen mir einfach besonders am Herzen, sie sind wirklich witzige Tiere.»

«Frau Müller» läuft übers Heu. Das Huhn untersucht die grosse Scheune. Das Gehege neben ihr bewohnen Alpakas und ein Lama. Es kaut auf einem Büschel Heu herum. Mit den Alpakas hat alles angefangen, erzählt Beat Troxler: «2016 haben wir die ersten Alpakas dazugenommen, als Alternative zum Milchvieh.» Und Claudia Troxler ergänzt: «Wir hatten das Gefühl, dass es viel weniger schlimm ist, ein Alpaka einmal im Jahr wegen seiner Wolle zu scheren, anstatt Kühe ständig zu melken. Aber wir wollten nicht mehr mit der Ausnutzung von Tieren Geld verdienen, deshalb sind wir dann ganz aus dem System ausgestiegen.» In der anderen Ecke des Stalls sind Kühe zu hören. Heu wirbelt durch die Luft, die Sonne wärmt das Holz, aus dem die Scheune gebaut ist. Die beiden Kühe laufen durch das Tor nach draussen auf die Wiese. Die eine ist sehbehindert und die andere kann aufgrund ihres Alters nicht mehr mit der grossen Herde mithalten. Sie bewohnen ihre eigenen vier Wände, abseits der anderen Rinder, damit sie in Ruhe leben können.

Auf dem Lebenshof Aurelio wird alles unternommen, um den Tieren das bestmögliche Leben zu bieten – trotz möglicher gesundheitlicher Einschränkungen. So leiden etwa die beiden Schwarzen Alpenschweine Bacon und Beeni unter Gangproblemen aufgrund von Übergewicht. Sie lebten bei einem Bergrestaurant als Unterhaltung für die Gäste und wurden vermutlich mit allem Möglichen wie Nussgipfeln gefüttert, erzählt Beat Troxler. Trotz einer erfolgreichen Diät konnten sich aber die Gelenke von Bacon und Beeni nicht mehr erholen. Seither sind die beiden in Behandlung, eine Sache, die für das Landwirten-Paar selbstverständlich ist. Sie setzen sich, wo möglich, dafür ein, dass jedes der Tiere bei einem medizinischen Problem die nötige Versorgung erhält. Das ist nicht immer so einfach. «Wir haben vor allem für die Rinder eine Tierchiropraktikerin, die uns besucht. Für die Hühner ziehen wir eine Exotenspezialistin hinzu, die auf gefiederte Tiere ausgerichtet ist, denn ein normaler Tierarzt ist mit einem einzelnen Huhn schlicht wenig vertraut, weil es nicht üblich ist. Normalerweise werden ganze Hühnerbestände behandelt», erklärt Claudia Troxler. 

Die beiden Kühe Alice und Tilly laufen über die Wiese an den Obstbäumen vorbei. Neben dem Lebenshof wirtschaften Claudia und Beat Troxler mit saisonalem Süssmost und Konfitüre. Die Lebenskosten der Tiere werden mit Patenschaften und Spenden gedeckt. Manchmal, wie beim Seidenhahn Pieps, übernimmt die Person, die das Tier zum Lebenshof Aurelio gebracht hat, die Vollpatenschaft. Das Landwirte-Paar erhält viele Anfragen von Personen, die für Tiere ein neues Zuhause suchen. Es ist ganz unterschiedlich, wer sich beim Lebenshof Aurelio meldet. «Das kann ein Bauer sein, dessen Lieblingskuh nicht mehr rentabel ist, aber die er nicht schlachten will. Oder Privatpersonen, die neben einem Bauernhof wohnen, ein Kalb ins Herz geschlossen haben und es retten wollen. Es ist wirklich querbeet.» Viele der Anfragen müssen die beiden jedoch ablehnen. «Mein Herz würde am liebsten alle aufnehmen, aber wir müssen auch den Verstand walten lassen. Wenn wir mehr Tiere aufnehmen, als wir Platz haben, würde es den Tieren nicht gut gehen, die schon hier sind», so Claudia Troxler.

Auf dem Lebenshof Aurelio haben die Tiere viel Platz. Weit draussen auf dem Feld des Hofs ist eine weitere Scheune zu sehen, dort sind die Rinder untergebracht. Normalerweise gibt es bei Laufställen Liegeboxen, wo der Raum mit Bügeln begrenzt ist, doch auf dem Lebenshof Aurelio ist der Raum offen gestaltet anhand des Tiefstreu-Systems. Der Ruhebereich ist mit Stroh eingestreut und die Tiere können sich hinlegen, wo sie wollen. «Wenn sie ins Alter kommen, brauchen sie mehr Schwung zum Aufstehen und auch entsprechend mehr Platz, damit sie sich nicht verletzen», sagt Beat Troxler. Direkt neben der Scheune leben auch ein paar Hähne. Sie stolzieren durch das Gelände und beobachten neugierig, was in der Scheune vor sich geht. Jeder der Hähne hat seine eigene Persönlichkeit, die nach und nach zum Vorschein kam, als Claudia und Beat Troxler sie aufgenommen haben. Sparky etwa sei frech, erzählen die beiden. Es ist schon vorgekommen, dass er sie aus dem Hinterhalt gepiekst hat, sobald sie nicht hingesehen haben.

So ist auch jedes Tier, das auf dem Lebenshof Aurelio lebt, individuell, vom Namen bis zu den Bedürfnissen, die Claudia und Beat Troxler so gut wie möglich abdecken, um den Tieren so viel Lebensqualität zu bieten, wie sie können. Zurück auf dem Vorplatz des Hofs, laufen die Hühner weiterhin frei in der Gegend herum, Mehlschwalben fliegen durch die Luft, peilen die vorgefertigten Nester unter dem Dach der Scheune an, die das Landwirten-Paar dort angebracht hat, und die Alpakas kauen unter dem Dach gemächlich Heu, während «Frau Müller» einen Kern nach dem anderen aufpickt. Ein Tag, wie jeder andere, der doch so rar ist. So gibt es in der Region nur diesen einen Lebenshof.

Pro-Tier-Hoftage

Anlass  Am 6. September finden schweizweit die Pro-Tier-Hoftage statt und auch der Lebenshof Aurelio in Büron öffnet seine Stalltür. Besuchen Sie den Lebenshof im Rahmen der Hoftage von Pro Tier. Um 14 Uhr findet eine Hofführung statt, bei der die Tierpersönlichkeiten kennengelernt werden können. Im Anschluss können Sie auf dem Hof verweilen und ein feines Zvieri geniessen. Da auf dem Lebenshof Hühner und Zwergziegen frei auf dem Gelände herumlaufen, werden Hundebesitzer gebeten, ihre Haustiere nicht mitzunehmen.

Eine Anmeldung über www.hoftage.ch/jetzt-anmelden ist erforderlich. Weitere Informationen zum Anlass sind unter www.hoftage.ch oder www.lebenshof-aurelio.ch zu finden.