29.03.2020

Stille Nacht im Städtli

von Thomas Stillhart

Jeden Samstagabend tanzt der Bär im Städtli. Derzeit ist aber tote Hose. Nur noch die Polizei und die Securitas drehen ihre Runden. Eine menschenarme Tour mit Fotos. 

Am Samstag hätte ich das Jahreskonzert des Jodlerklubs Edelweiss in Triengen besucht. «S’esch Zyt… » wäre das Motto gewesen. Es war leider nicht die Zeit dafür. 

Die Glocken läuteten

Stattdessen nahm es mich wunder, wie ausgestorben sich das Städtli Sursee präsentiert, wenn alles geschlossen bleiben muss, und alle angehalten wurden, zu Hause zu bleiben. Punkt 21.58 Uhr nahm ich den Fotoapparat und das Stativ in die Hände und spazierte in Richtung Stadtcafé. Die Glocken der Pfarrkirche läuteten zehnmal. 

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Mit dem Fokus zielte ich in Richtung «Goose», als ein Velofahrer anbrauste. Den Fahrer kannte ich – ein stadtbekannter Sportfan, der zeitlebens mit unverkennbarem Stil Zweirad fährt. In gebotener Distanz sprachen wir über die stille Nacht und trösteten uns gegenseitig, dass momentan keine regionale Sportmannschaft angefeuert werden kann. . 

Schlitten im Städtli

Inzwischen tuckerten ein paar tolle Schlitten durchs Städtli. Offensichtlich brauchen diese Typen kein Publikum, wie viele an warmen Tagen vermuten. Von irgendwo her hörte ich Stimmen, als sei in einer Altstadtwohnung eine private Party im Gange. Verorten konnte ich die Geräusche nicht. In vielleicht fünf oder sechs Fenstern in oberen Etagen brannte Licht.  

Vor dem «El Mosquito» nahm ich die Gegenseite Richtung Pfarrkirche ins Visier, als sich ein junger Mann locker näherte. «Scheinbar», so stellte er nach seiner wohl fachmännischen Kontrolle der Fensterfront fest, «hat sogar das Rössli geschlossen.» Ich musterte ihn und nickte kurz. Er erzählte weiter über Olten.  

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«China» oder so

Jetzt wurde es plötzlich laut, denn ein Mann erschien wie aus dem Nichts. Er brachte Worte über seine Lippen, die ich beim besten Willen nicht verstand. Irgendwie tönte es nach  «China» – englisch gesprochen, ich konnte mich aber auch irren. Der «Rössli»-Kenner entschuldigte sich bei mir. «Er ist immer so.» Und beide verschwanden in der Nacht so schnell, wie sie vorher auftauchten.     

Ein Rollstuhlfahrer überquerte – vom «Hirschen» kommend – die Pflastersteine, versorgte seinen Rollstuhl in einem Auto, das neben dem «Marienbrunnen» stand und fuhr alleine fort. 

Normalität im Ehret-Park

Ich versuchte es noch zwischen dem «Schweizerheim» und den Stelen in Richtung Pfarrkirche, aber das Resultat überzeugte mich nicht. Dem «Unteren Graben» folgend erreichte ich den «Ehret-Park». Hier herrschte Normalität, denn drei Jugendliche kifften auf einer Bank. Sonst war der Park menschenleer. 

Einer von ihnen kam zu mir, so dass Daniel Koch vom Bundesamt für Gesundheit keine Freude gehabt hätte. «Wie wird man Fotograf?», fragte er überraschend verständlich. Als ich nicht sogleich antwortete, fügte er überzeugt hinzu: «Ich bin gesund.» Schön, dachte ich mir, aber bei ihrem Samstagabend-Vergnügen wollte ich die Jungen nicht stören. 

Ein fast leerer «Märtplatz»

Nach Versuchen beim «Diebenturm» lief ich die «Sonnengasse» hinauf, um zum «Märtplatz zu gelangen. Wo sonst die Ausgänger Parkplätze suchen müssen, war keine Seele anzutreffen. Zwei Drittel der Parkplätze standen frei. Eine junge Frau, ihr Handy und eine Zigarette erblickte ich auf der anderen Strassenseite am «Oberen Graben». 

Wieder zurück im Städtl kamen mir zwei Polizisten in einem Kastenwagen entgegen. Sie beäugten mich, doch scheinbar war ich mit dem Fotoapparat und dem Stativ in den Händen zu wenig auffällig. 

Securitas ist m Dienst

Langsam wurde es frisch, und die Fotos waren im Kasten. So marschierte ich die Unterstadt hinunter. Beim «Untertor» erspähte ich zwei Securitas-Männer, die auf der anderen Seite der Sure entlang marschierten, mich aber kaum bemerkten.

Nachdem ich im Büro das Material deponierte, die Uhr zeigte 23.10 Uhr, schloss ich mein Velo auf. Noch einmal fuhr die Polizeistreife vom Judenplatz herkommend das Stadtli hinauf. Ich hatte genug vom Ausgang in dieser stillen Nacht.    


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