Das Theater wird mit der Adaptation dieser Parabel zum Ort, an dem die grossen Fragen nach Gerechtigkeit, Schuld, Glauben und Hoffnung verhandelt werden, und das Theaterpublikum wird mit der Titelfigur mitfühlen.
«Mendel Singer war fromm, gottesfürchtig und gewöhnlich, ein ganz alltäglicher Jude.» Der Mann lebt um 1900 mit seiner Frau Deborah und seinen Kindern in ärmlichen Verhältnissen in Zuchnow, im heutigen Weissrussland. Als bescheidener Tora-Lehrer richtet er sein Dasein nach den alten Traditionen und Werten, die sich im jüdischen Schtetl seit Generationen kaum verändert haben. Mit der Geburt seines letzten Sohnes Menuchim beginnt jedoch die fest gefügte Welt Mendel Singers zu bröckeln und Risse zu bekommen, auch weil Menuchim anders ist, nicht spricht und apathisch wirkt. Gerade deshalb ist Mendels Verhältnis zu ihm besonders innig, und er schenkt ihm seine ganze Aufmerksamkeit.
«Warum gerade ich?»
Schwere Schicksalsschläge erschüttern Mendel, lassen ihn klagen und zutiefst an Gott und der Welt zweifeln. Wie die alttestamentarische Figur des Hiob wird der leidgeprüfte Mendel Singer in den Mittelpunkt der Handlung gestellt. Als strenggläubiger Mensch versteht er zunächst selbst die härtesten Schicksalsschläge als göttliche Prüfung. Doch immer stärker drängt sich die wiederkehrende Frage «Warum ich?» in den Vordergrund, bis Mendel seinen Glauben zu verlieren scheint.
In Amerika, dem Land der unbeschränkten Möglichkeiten, hofft Mendel zunächst, der Enge des beschwerlichen Lebens zu entkommen. Dort sollen seine Träume in Erfüllung gehen. Dort soll ihm das Glück wie leuchtende Sterne den Weg weisen. Ein Neubeginn scheint möglich, eine neue Heimat ist ihm versprochen.
Einfache, klare Sprache
Roths einfache, klare Sprache ist eindringlich und macht die grundlegenden menschlichen Urzustände Leid, Zweifel und Hoffnung auf Erlösung unmittelbar erfahrbar. Verständlich wird der Wunsch, der Plage im Leben zu entgehen und irgendwo neu beginnen zu können. Man darf gespannt sein, wie die Inszenierung diese Gegenwelten, in die Mendel geworfen wird, in Spiel, Sprache und Bühnengestaltung sichtbar macht. Ängste und Verzweiflung stehen dem Versprechen von Freiheit gegenüber. Wo kann das Wunderbare in Erfüllung gehen?
Es könnte durchaus sein, dass sich Mendels Traum erfüllt. Denn der Roman von Joseph Roth endet vielversprechend märchenhaft: «Und er ruhte aus von der Schwere des Glücks und der Grösse der Wunder.»
