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Wenn jemand am Ertrinken ist, zählt jede Sekunde

Marion Gredig 02. Juli 2026

Bei einem Ertrinkungsunfall muss die Rettungskette sofort greifen. Notarzt Christoph Dübendorfer von der AAA Alpine Air Ambulance birgt Verunglückte im Ernstfall mit der Helikopter-Winde direkt aus dem Wasser. Im Gespräch mit dieser Zeitung erklärt der Mediziner, was beim Ertrinken im Körper geschieht und wie schnelles Eingreifen Leben rettet.

Bei einem Ertrinkungsunfall muss die Rettungskette sofort greifen. Notarzt Christoph Dübendorfer von der AAA Alpine Air Ambulance birgt Verunglückte im Ernstfall mit der Helikopter-Winde direkt aus dem Wasser. Im Gespräch mit dieser Zeitung erklärt der Mediziner, was beim Ertrinken im Körper geschieht und wie schnelles Eingreifen Leben rettet.

Christoph Dübendorfer, was passiert im Körper, wenn ein Mensch zu ertrinken beginnt und Wasser einatmet?

Sobald ein Mensch im Wasser untertaucht, kommt es anfänglich meist zu einem reflektorischen Anhalten der Luft. Da der Sauerstoffspiegel im Blut nun fortlaufend sinkt und das Kohlendioxid ansteigt, wird durch spezielle chemische Messrezeptoren im Körper ein immer stärkerer Atemantrieb ausgelöst, bis es schliesslich zu einer Einatmung von Wasser kommt. Dies löst einen starken Hustenreiz aus, auch ein Erbrechen ist möglich. Schliesslich kommt es durch den Sauerstoffmangel zum Bewusstseinsverlust und schliesslich zum Atem- und Kreislaufstillstand.

Wie schnell kommt es typischerweise zum Bewusstseinsverlust?

Das Gehirn reagiert von allen Organen am empfindlichsten auf einen Sauerstoffmangel. Nebst dem bereits erwähnten Bewusstseinsverlust kommt es oft zu einem kurzen Krampfanfall. Dieser begünstigt das Eindringen von Wasser in die Lunge zusätzlich.

«In der Regel verlieren Ertrinkende das Bewusstsein nach etwa 1,5–3 Minuten.»

Christoph Dübendorfer, Ärztliche Leitung, AAA Alpine Air Ambulance 

Wie schnell es nun zu diesen zentralen neurologischen Symptomen kommt, hängt von mehreren individuellen Faktoren ab: – Wie viel Sauerstoffreserven sind zum Zeitpunkt des Untertauchens im Körper vorhanden? – Wie schnell werden diese verbraucht? Wenn durch stärkste Muskelaktivität im Rahmen des Überlebenskampfes viel Sauerstoff verbraucht wird, verkürzt sich die Zeit bis zum Eintritt der Bewusstlosigkeit massiv. In der Regel verlieren Ertrinkende das Bewusstsein nach etwa 1,5–3 Minuten. Wenn in der ersten Phase aber noch einige Male vor dem definitiven Versinken an der Oberfläche Luft geholt werden kann, verlängert sich diese Zeitdauer signifikant.

«Zeit ist absolut matchentscheidend beim Ertrinkungsunfall.»

Christoph Dübendorfer, Notarzt

Gibt es Unterschiede zwischen ertrinkenden Kindern und Erwachsenen?

Kleine Kinder sind bezüglich Sauerstoffhaushalt stark im Nachteil gegenüber Erwachsenen. Weniger Reserven und ein deutlich höherer Grundumsatz des Sauerstoffs aufgrund beschleunigter Stoffwechselprozesse im Körper führen dazu, dass ein Stopp der Sauerstoffzufuhr bereits nach 30 Sekunden zur Bewusstlosigkeit führen kann und nach 1–2 Minuten ein Kreislaufstillstand eintritt.

Was stellt für Sie als Notarzt und Ersthelfender die grösste Herausforderung dar?

Der Faktor Zeit ist absolut matchentscheidend beim Ertrinkungsunfall. Die rasche Alarmierung professioneller Rettungskräfte ist essenziell. Es kann nicht genug betont werden, wie wichtig es beim Ertrinken für Rettungsleitstellen ist, neben Bodenrettungsmitteln umgehend den nächsten Rettungshelikopter zum Einsatzort zu entsenden.

«Wichtig ist, dass die Rettungsleitstellen auch umgehend den nächsten Rettungshelikopter zum Einsatzort aufbieten. Ortung und Rettung des Ertrunkenen aus der Luft können lebensrettend sein.»

Christoph Dübendorfer, Notruf 144

Die rasche Ortung und Rettung des Ertrunkenen aus der Luft bei oft schwierig zugänglicher Ufersituation für terrestrische Einsatzkräfte kann lebensrettend sein. Der Überblick aus der Luft ist um Dimensionen besser als vom Ufer aus.

Und was gilt für Ersthelfende vor Ort?

Für Ersthelfer vor Ort ist Selbstschutz das wichtigste Credo. Ohne geeignete Auftriebsmittel (Rettungsring, Schwimmweste) sowie in strömungsreichen und hindernisreichen Gewässern kann der Versuch einer Rettung aus dem Wasser rasch zur tödlichen Falle werden.

Welche Schritte nach der Wasserrettung sind entscheidend?

Sobald eine bewusstlose Person aus dem Wasser geborgen wurde, muss geprüft werden, ob Lebenszeichen vorhanden sind. Falls diese fehlen, muss umgehend nach gängigen Reanimationsleitlinien eine Wiederbelebung eingeleitet werden. Eine spezifische Therapie aufgrund des Ertrinkens (z. B. Wasser aus den Lungen entfernen) ist nicht erforderlich. Besonderes Augenmerk ist auf eine möglichst gute Beatmung zu legen. Profi­retter beatmen mit 100 % Sauerstoff.

Können Laien bei einer Rettung etwas falsch machen?

Der einzige Fehler beim Ertrinkungsunfall ist der unzureichende Selbstschutz. Ist der Patient am Ufer, soll nach bestem Wissen reanimiert werden. Hier kann nichts falsch gemacht werden, lieber einmal zu viel als einmal zu wenig mit Beatmung und Herzdruckmassage starten. Ist der Sauerstoffmangel die Ursache für den Kreislaufstillstand, ist meist keine Defibrillation erforderlich. Sollte aber jemand aufgrund eines Herzinfarktes unter Wasser geraten, so kann durchaus ein Kammerflimmern vorliegen. Es gilt also wie bei jeder Reanimation auch hier: Ist ein Defibrillator (AED) verfügbar, dann wird dieser angeschlossen und den Anweisungen des Gerätes gefolgt.