20.09.2019

«Big Brother» erschaudert Sursee

von Thomas Stillhart

«1984» endet im totalen Zerbrechen. Winston Smith stemmt sich gegen die totalitäre Herrschaft mit «Big Brother», doch die Gedankenpolizei ertappt ihn. «Eine schwere Kost» und «anspruchsvoll, fand das Publikum.

Winston Smith (Jacques Breuer) ist ein Parteisoldat im Dienste des «Ministeriums für Wahrheit» in Ozeanien. Er verfälscht die Geschichtsschreibung nach dem Gusto des «Grossen Bruders» – oder in der Theaterfassung «Big Brother». Er schafft alternative Fakten, in der Gegenwart würde man wohl von «Fake News» reden. Sein Arbeitskollege Syme erklärt ihm seine Tätigkeit: «Wir vernichten Wörter – massenhaft, zu Hunderten, täglich. Wir reduzieren die Sprache bis aufs Skelett.»

Das Tagebuch im Fokus

In Ozeanien soll Neusprech Altsprech ablösen. «Wenn man ein Wort wie ‚gut’ hat, wozu braucht man dann noch ein Wort wie schlecht? ‚Ungut’ tuts doch genauso», argumentiert Syme. Winstons Widerstand gegen das System wächst, seine Gedanken schreibt er in ein Tagebuch im Glauben, die alles überwachenden Teleschirme übersehen das.

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Winston Smith lernt Julia kennen und verbündet sich mit ihr gegen die Partei.  (Foto Alvise Predieri)

Bei den Prolos, den unteren Schichten, begegnet Winston einem alten Mann, der ihm eine Koralle verkauft. Und er trifft Julia (Isabell Kott), in die er sich Hals über Kopf verliebt. Auch Julia hegt ähnlichen Gram gegenüber «Big Brother». «Ich will leben», schreit Winston Smith im Bett zusammen mit Julia. In O’Brien (Christian Buse) sehen sie einen Verbündeten. «Wir sind Feinde der Partei», eröffnen sie ihm.

«Hände auf den Rücken»

Schnitt: Winston und Julia liegen im Bett. Aus dem Teleschirm befiehlt eine Stimme: «Hände auf den Rücken.» Sie sind ertappt, O’Brien sagt eine Szene weiter: «Ihr seid Tote.»

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Der Vorhang fällt, in der Pause schnappt das Publikum draussen nach Luft.

Gefesselt und gefoltert

Sieben Jahre lang beobachte O’Brien Winston, erzählt er ihm im «Ministerium der Liebe». Und er duzt ihn. Winston wird von zwei Folterknechten gefesselt und an eine Wand gebunden. «Wie viele Finger siehst Du?», fragt ihn O’Brien. Vier sind nach Meinung der Partei und O’Brien falsch, was Stromstösse für Winston bedeutet. «Dich gibt es nicht!», schreit O’Brien ihn an. «Die Partei wird ewig herrschen.»

Winston Smith auf der Folterbank von O'Brien. (Foto Alvise Predieri)

Jetzt labbert O’Brien über die indoktrinierten Parteiparolen: «Der Zweck der Macht ist Macht. Der Zweck der Folter ist Folter.» Er wirft ihm vor, moralisch überlegen zu sein. Abgespielt wird vom Teleschirm die Worte Winstons, als er sich bei O’Brien verschwören wollte und sich bekannte, alles – auch Kinder schänden oder Prostitution fördern – zu machen, um gegen die Partei zu agieren.

«Macht das mit Julia»

O’Brien trägt den total gebrochenen Winston wie ein Kind in den Armen. «Der letzte Mensch, ein stinkender Müllsack», kommentiert er. Um Julia zu verraten, nimmt O’Brien Ratten zu Hilfe, mit denen er droht, das Gesicht Winstons zu zerfleischen. Winston Smith knickt ein. «Macht das mit Julia», bittet er verräterisch. Allein gelassen, abgedunkelt, gebrochen fleht er: «Ich liebe Big Brother.»

Das Publikum schweigt, bis die Bühne dunkler und dunkler wird. Erst jetzt brandet Winston Smith alias Jacques Breuer Applaus entgegen. Die Stadttheater-Besucher honorieren die Leitung des Ensembles mit langanhaltendem Beifall.

Info

Eine schwere Kost

Puh, durchschnaufen, abschütteln! «Eine schwere Kost», «anspruchsvoll» und «man muss sich einlassen auf das Stück» kommentierten Einige im Stadttheater. Nach eineinhalb Stunden im Stadttheater Sursee fiel es manchem im Publikum schwer, in der freien Schweiz – in der Gegenwart – aufzuwachen. So schauderte das Stück «1984» von George Orwell, das von a.gon München am Freitag gespielt wurde. Die Bayern warben mit «Theater aus Leidenschaft. Und diese Tugend drückte das fünfköpfige Schauspiel-Ensemble auf der Bühne aus.

Viele Szenen waren sehr kurz, in den Pausen wurden Sekunden lange Musikstücke abgespielt, welche die beklemmende Stimmung unterstützten. Auf der grossen Leinwand wechselten Schwarz-Weiss-Fotografien von anonymen Menschen auf der Strasse, die eine düstere Szenerie projizierten. Auch Filmsequenzen im gleichen Ton waren zu sehen.

Wer einen vergnüglichen Abend oder gar voyeuristische Züge, wie die TV-Sendung «Big Brother» hatte, erwartete, kam nicht auf seine Kosten. Doch das Thema von «1984» aus dem Jahr 1949 hat auch in der Gegenwart Zündstoff und leider auch Nachahmer. Ein Nachdenken darüber ist deshalb wichtig und richtig. Der Grosse Bruder ist heute im Osten vielleicht noch eine Partei, aber im Westen sind es Tech-Giganten, die (zu) viel wissen über die Bürger.


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