27.07.2022

Den Wolken zuschauen allein reicht nicht

von Geri Wyss

Als Kind konnte ich stundenlang das Wetter beobachten. Mein logischer Beruf hätte eigentlich Meteorologe werden müssen. Doch dann trat die Mathematik in mein Leben.

Nicht wenige Male holte mich meine Mutter aus meinem gedankenverlorenen oder schon fast meditativen Zustand heraus, wenn ich einfach aus dem Dachfenster und in die Wolken schaute. Wie faszinierend war das doch, wenn am düster gewordenen Himmel erste Blitze zuckten oder wenn sich über Nacht eine Packung Neuschnee auf die Landschaft gelegt hatte.

Schon in der Primarschule spürte ich, dass die Mathematik nicht mein bester Freund war. Der wohl massivste Hammer fuhr aber während der Erwachsenenmatura ein, als ich mich vorfreudig in die Wärmelehre vertiefte, in meinem Kopf danach aber nur eine Wärmeleere zurückblieb. «Ja, Meteorologen müssen Zahlenmenschen sein», konstatiert Daniel Gerstgrasser, seit über 20 Jahren Meteorologe bei Meteoschweiz, unumwunden. Die ersten beiden Jahre seines Studiums haben fast nur aus Mathematik bestanden. «Das war die Grundlage, damit wir Meteorologen verstehen, worum es beim komplizierten System aus mathematischen Gleichungen geht, dank denen Meteorologen sich an eine möglichst verlässliche Prognose heranpirschen.»

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Am Anfang sind die Messungen

Die Grundlage jeder guten Wetterprognose ist eine ganze Flut von Daten vom Boden oder aus der Atmosphäre, die bei den Meteorologen der Wetterdienste wie Meteoschweiz 24 Stunden am Tag reinlaufen. Sie geben ein umfassendes Bild ab, was wettermässig weltweit gerade abläuft. Und auf ihnen basieren die Vorhersagemodelle, welche die zukünftige Entwicklung des Wetters berechnen. Hier zumindest beruhigt Daniel Gerstgrasser: «Diese enorme Rechenleistung erledigen Supercomputer.» All diese Daten landen auf dem Tisch der Meteorologen bei Meteoschweiz, oder besser gesagt auf deren Computern. Und die Fachleute müssen diejenigen Unterlagen herausschälen, die für die aktuelle Wetterlage relevant sind.

Ein richtiger Bürojob

Daniel Gerstgrassers Büroarbeitsplatz ist mit ganzen sechs Bildschirmen ausgestattet. Dagegen mutet mein kleines Büro in Sempach Station mit dem einen, vergleichsweise niedlichen Bildschirm schon fast unterwürfig an. Doch die Datenflut und auch die Produkte, welche die Meteorologen erstellen, verlangen nach diesem Equipment. «Wir arbeiten im Schichtbetrieb», informiert Daniel Gerstgrasser, «mit Früh-, Spät- und Nachtschicht.» So beginne sein Arbeitstag erst einmal mit einer sauberen Übergabe von seiner Kollegin oder seinen Kollegen. «Dazu dienen der mündliche Austausch und eine Wand mit Papieren, welche die aktuelle Wetterlage wiedergibt», erläutert er das einzige noch Analoge im Alltag des Meteorologen. Ein Bürojob par excellence also. Die romantisch-kindliche Vorstellung des Meteorologen, der einfach in die Wolken schaut und dadurch seine Prognose erstellt, verflüchtigt sich. So, wie Nebel durch auffrischenden Wind aufgelöst und eine Inversionslage beendet wird.

Ein «Nowcaster» wäre ich

Doch: So ganz falsch ist das mit dem In-die-Wolken-blicken nicht. Für das sogenannte «Nowcasting», die Vorhersage einer Wetterentwicklung für die nächsten ein, zwei Stunden, ist der Blick zum Himmel entscheidend. «Das mache ich auch», hält Daniel Gerstgrasser fest. Denn indem man die Wolken und die Windverhältnisse studiere, könne in der Regel mit der notwendigen Erfahrung schon viel herausgelesen werden, wie es mit dem Wetter weitergeht. Und auch das Niederschlagsradar bietet wertvolle Dienste. Nichts da mit Mathematik und Superrechner! Wie habe ich doch bei einer Rückseitenwetterlage im April fast auf die Minute genau sagen können, wann der Schneeschauer, vom Winikonerberg herkommend, bei uns auf der Risi in Geuensee hereinbrechen wird.

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Landschaft in Gitterraster gepackt

Doch die Meteorologie muss viel weiter vorausschauen und Vorhersagen zum Wetter abgeben können. Heute sei etwa auf fünf bis sieben Tage hinaus eine gute Wetterprognose mit hoher Trefferquote möglich, sagt Daniel Gerstgrasser. Und dazu braucht es eben die Datenflut und die numerischen Modelle. Letztere sind je zuverlässiger, desto feiner das Gitterraster der Berechnungspunkte über die Landschaft gezogen wird. Bei Meteoschweiz und ihrem eigenen Modell «Cosmo» beträgt der Abstand der Gitterpunkte rund einen Kilometer, wodurch man zu den Besten weltweit gehört. Der durchschnittliche Abstand der Gitterpunkte der gängigen weltweiten Wettermodelle beträgt rund neun Kilometer. Für jeden dieser Punkte müssen möglichst viele Näherungsformeln berechnet werden, um dem zukünftigen Zustand der Atmosphäre so nah wie möglich zu kommen und somit der Komplexität des Wetters gerecht zu werden. Da ist sie wieder, die Mathematik.

Widerspenstige Gewitter

Dass das Wetter nie mit hundertprozentiger Sicherheit vorausberechnet werden kann, hat mit dem chaotischen System zu tun. Gerade im Sommer bei Gewitterlagen zeigt sich dies exemplarisch. Da kann eine kleinste Veränderung in der Atmosphäre dazu führen, dass ein Gewitter genau da und nicht dort, ein paar Kilometer entfernt, niedergeht oder überhaupt gar nicht entsteht. Das ist beispielsweise zentral für einen Anlass im Freien, weshalb die Beratung von Veranstaltern, aber auch von Behörden viel Raum im Beruf eines Meteorologen einnimmt. Das gilt auch für die Herausgabe von Warnungen, wie jüngst bei der Hitzewelle, oder wenn es darum geht, die Polizei rechtzeitig vor einem plötzlich aufziehenden Sturm zu informieren, damit diese die Warnblinker am Seeufer anknipst.

Abwechslungsreicher Beruf

So überrascht Daniel Gerstgrassers Aussage nicht, der Beruf des Meteorologen sei sehr vielseitig. Denn dank des Messens von Wetterdaten rund um den Globus durch verschiedene Quellen wie automatische und manuell bediente Stationen, Wetterballone, Flugzeuge, Schiffe oder Satelliten und der daraus resultierenden Berechnung von Modellen durch Supercomputer erstellen die Meteorologen bei Meteoschweiz ihre diversen Produkte. Sie interpretieren also all die Daten mit ihrer Erfahrung und nutzen dabei auch das Wissen anderer, indem sie sich untereinander im Team austauschen und darüber hinaus mit anderen Wetterdiensten auf der Welt vernetzt sind.

Das Chaos bleibt

Schon unerwarteter ergänzt Daniel Gerstgrasser, dass das Wetter ihn noch immer überraschen könne. «Es gibt Momente, bei denen ich denke, dass ich dieses Ereignis so nun wirklich nicht erwartet habe.» Ein gewisses Mysterium bleiben somit die Natur im Allgemeinen und das Wetter im Speziellen für den Vorarlberger. Da ändern auch all die mächtigen Hilfsmittel, auf welche die Meteorologen heute zurückgreifen können, nichts daran. So blicke ich bereits jetzt mit kindlicher Neugierde auf die nächste Nordwestlage im Winter, in der Hoffnung, dass dann über Nacht ein zünftiger «Chlapf» Neuschnee herniederfallen wird. Ein kühlender und wohltuender Gedanke in diesen oft heissen Tagen. Und ein tröstlicher, dass Mathematik auch in der Meteorologie nur fast alles ist, weil die chaotische Komponente des Wetters nie verschwinden wird.


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