Sibille Arnold, Co-Leiterin des Museums Sankturbanhof (links), und Stiftungsratsmitglied Emilie Zehnder haben den Durchblick bei der neuen Ausstellung «Nachbarn – Freund und Leid». Foto Conny Wagner
Sibille Arnold, Co-Leiterin des Museums Sankturbanhof (links), und Stiftungsratsmitglied Emilie Zehnder haben den Durchblick bei der neuen Ausstellung «Nachbarn – Freund und Leid». Foto Conny Wagner
08.02.2019

Der Tanz zwischen Nähe und Distanz

Der tägliche Tanz um Nähe und Distanz – mit Freund und Leid – hat im Surseer Museum St. Urbanhof Einzug gehalten. Die Ausstellung um die lieben Nachbarn hatte am vergangenen Freitag Vernissage und dauert noch bis zum 2. Juni.

Die Präsidentin des Stiftungsrats Sankturbanhof, Ruth Balmer, eröffnete die Ausstellung «Nachbarn – Freund und Leid». Sie begrüsste unter den Ausstellungsbesuchern auch die Nachbarn Sursees aus den verschiedenen Gemeinden um den Sempachersee zur Vernissage und machte darauf aufmerksam, dass den fünf Nachbargemeinden als Gegenleistung für ihre Mitwirkung in dieser Ausstellung der Äbtesaal je ein Tag kostenlos zur Verfügung steht. Weiter betonte Balmer, dass sich das ganze Team auf die zahlreichen Begleitveranstaltungen zu dieser Ausstellung freue, und lud alle herzlich zur Teilnahme ein.

Im Äbtesaal führte Sibille Arnold, Co-Leiterin des Sankturbanhofs, in einer spannenden Ansprache durch die Ausstellung. Anschließend konnten sich auf einem Rundgang alle selber ein Bild machen. Die sehr abwechslungsreichen, jedes Detail genau beobachtenden und verarbeitenden Szenen und Situationen der einzelnen Künstler fügen sich nahtlos zusammen und lassen das Thema «Nachbarn – Freund und Leid» unmittelbar an sich selbst erleben.

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Man nimmt einander wahr

Die Ausstellung beginnt im Parterre mit einem zugewachsenen Gartenzaun. Zwei Gartentörli führen je in eine andere Richtung. Jeder Weg beinhaltet eine Vielfalt von Nachbarschaftsszenen. Diese geben Aufschluss, wie man durch gute Planung einer Überbauung den Weg für ein friedlicheres Zusammenleben ebnen kann oder wie man sich beim Grillieren geschickt verhält, um die Befindlichkeit der Nachbarn nicht zu stören. Es kommt gut zum Ausdruck, wie einen die Nachbarn mit all ihren Sinnen wahr nehmen und umgekehrt. Sibille Arnold klärte mit einem kleinen Schmunzeln auf, dass sie im Museum nicht gestört würden, wenn man in der Kirche am «Weihräuchern» sei. Doch es könne schon mal vorkommen, dass gleichzeitig Besucher die Hausglocke klingeln lassen und gleichzeitig die Kirchenglocken ihres Amtes walten würden. Man habe dann keine Chance mehr, über die Gegensprechanlage zu erfahren, wer zu Besuch komme. «Aber ansonsten», so versicherte sie, «ist die Kirche eine sehr ruhige und angenehme Nachbarschaft.»

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Drinnen im Museum werden diverse Nachbarschaftsthemen offengelegt. Sie zeigen auf, in wie vielen alltäglichen Situationen alle unbewusst temporär Nachbarn haben und selbst Nachbar sind, wie schnell diese Phasen vorübergehen können und wie nah man sich etwa in einem Flugzeug kommt oder gezielt auf Distanz geht, wie dies so oft im Zug passiert.

Die im Museum ausgewählten Themen sind so interessant zusammengefügt, dass jeder Besucher von der Eingangstür bis zum Schluss ganz in den Bann gezogen ist. Die zahlreich dargestellten Szenen mit seinen eigenen, alltäglichen Erfahrungen zu ergänzen oder zu vergleichen, ist auf jeden Fall eine Bereicherung, die so manchen vergangenen Ärger mit einem Nachbarn schmälern lässt.

 

Fast gefährliche Intimität

Die Arbeit von Arne Svenson (geboren 1972, Santa Monica, USA), der zwei Mal von erbosten Nachbarn wegen Verbreitung der Neighbours-Fotografien ohne Erfolg angeklagt wurde, zeigt auf, wie sich der Ausblick aus einem Fenster seines New Yorker Ateliers über ein Jahr stetig wandelt – und so eine schon fast gefährliche Intimität zulässt.

Währenddessen hebt die kurze, oft flüchtige Nähe aus der Serie «Aussicht mit Zimmer» von Stephan Schenk (geboren 1962, Stuttgart) durch den vielen Wechsel der Örtlichkeit die Anonymität hervor. In den über 350 aufgenommen Ausblicken von Hotelzimmern macht der Fotograf und Museumstechniker darauf aufmerksam, dass für die Bewohner eine Identifizierung möglich ist, jedoch für den Hotelgast kaum das Gefühl von Heimat entsteht. Der in Lüen (Graubünden) lebende und arbeitende Stephan Schenk macht mit seiner Nüchternheit des stringenten Abbildens, bei der fast nie Menschen zu sehen sind, das Fernweh und die damit verbundene Einsamkeit des Reisenden spürbar. Dabei fängt seine Kamera einen klar definierten Strukturaufbau von Architektur und deren Umgebung ein. So prägend verschieden diese Ausblicke sind, erhalten sie im Passepartout mittels einer speziell angefertigten Prägung von Land, Ort und Datum einen definierten Bezug.

Die in der Ausstellung gezeigten Werke zeigen allesamt bis ins letzte Detail genau feine Differenzen  zwischen Nachbarn, gesellschaftliche Aspekte, Planung und Umsetzung von Städten und Häusern, die es den Betrachtern ermöglicht, Unterschiede sensibel zu hinterfragen. Somit kann sich jeder Besucher in einzelnen Themen zur Nachbarschaft in ähnlich erlebten Szenen der Ausstellung wiedererkennen.


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