16.09.2021

Lara Stoll tritt lieber vor 32 als vor 32’000 auf

von Thomas Stillhart

Den Gipfel der Freude erreichte Lara Stoll letztes Jahr, als die Slam-Poetin den Salzburger Stier gewann. Die gebürtige Schaffhauserin tritt am Samstag, 23. Oktober, an den Soorser Comedy Täg auf. Ihr aktuelles Programm heisst «Der Gipfel der Freude».

Lara Stoll, waren Sie schon einmal in Sursee?

Nein, dort war ich noch nie. Am Nachmittag gebe ich noch ein Konzert in Luzern und komme direkt nach Sursee.

Ist es speziell für Sie, nach mehr als 15 Jahren Bühnenerfahrung an einem neuen Ort aufzutreten?

Seit April konnte ich zum Glück wieder jede Woche auf die Bühne, daher ist der Auftritt in Sursee eher einer von vielen. Aber ich bin immer gespannt, was mich erwartet.

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In den vergangenen Monaten trug das Publikum eine Maske. Wie war das für Sie, so viele Masken zu sehen, und nur jeder zweite Platz war besetzt?

Weniger Leute ist für mich ein drastischerer Anblick, als wenn die Leute eine Maske tragen. Aber ich gewöhnte mich daran und bin froh, überhaupt wieder auftreten zu können. Im Moment kämpft allerdings die ganze Branche mit wenig Publikum, es befinden sich noch alle im Corona-Schlaf. Wir alle hoffen. dass sich das bald ändert, sonst wird das Ganze bald sehr problematisch.

Wie ist es, einen Salzburger Stier zu Hause zu haben?

Besser als keinen zu Hause zu haben. Ich hab «die Skulptur» erst etwas belächelt, weil es aussieht wie ein Spielzeug, aber als ich das Ding dann in den Händen hielt, hab ich mich dann doch in das knuffige Stierlein verliebt.

Sie sprachen am 1. August in Zermatt. Was sagt eine Lara Stoll am Nationalfeiertag?

Da man in Zermatt dieses Jahr das Jubiläum der Erstbesteigung durch eine Frau – Lucy Walker – feierte, wählte ich auch das Thema Frauen. Aber auch um die Umwelt sorgte ich mich, und echauffierte mich über das schlechte Abstimmungsresultat vom Juni.

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So politisch kennt Sie das Publikum von der Bühne her gar nicht?

Dieser Auftritt war etwas politischer als sonst. Es war auch das erste Mal, aber ich fand das sehr wichtig. Der 1. August ist ja da, um Klartext zu reden. Auf der Bühne biete ich vor allem Unterhaltung, ohne mit der Moralkeule zu politisieren.

In einem Fussballtalk bekannten Sie sich als FC-Winterthur-Fan. Kennen Sie Remo Arnold aus Schlierbach, der beim FC Winterthur spielt?

Nein.

Remo Arnold ist ein Grosser.

Sind die nicht alle gross? (lacht) Ich kenne ein paar mit Namen, aber nicht persönlich und bedeutend nicht alle.

Was haben Fussballer mit Ihnen auf der Bühne gemeinsam?

Beide müssen immer alles geben, ein Ziel vor Augen haben und super präsent sein. Auch Körperspannung haben beide. Ein Goal schiessen muss ich zwar nicht, aber meine Wörter platziere ich auch möglichst «treffend».

Und einen «Gipfel der Freude», wie Ihr neues Programm heisst, wollen ja auch Fussballer erleben.

Im besten Fall erleben das alle – auch die Fussballer.

Haben Sie den Match der Schweiz gegen Italien gesehen?

Nein, aber mein Freund war im Stadion.

Was sagte er?

Er war vor allem von der Menschenmasse beeindruckt, denn 32'000 Menschen in einem Stadion kennt man gar nicht mehr.

Wollen Sie auch mal vor 32'000 Leuten auftreten?

Nein, lieber nicht, dann eher nur vor 32. Was ich mache, würde bei so vielen Leuten irgendwo verpuffen. Ich mag den kleinen Rahmen mehr. Ein Kleintheater ist die ideale Grösse für mich. Vor 32'000 Leuten zu sprechen, ist so anonym. Die ganze Masse verschwindet zu etwas, das man nicht berühren kann, und ich wüsste nicht, wohin mit der Energie und den Wörtern. Vielleicht wäre es aber mega lässig, wer weiss.

Was kann das Publikum in Sursee von Ihnen erwarten?

Bestimmte Ausschnitte aus dem aktuellen Programm und vielleicht ein paar ältere Klassiker. Es wird ein Mischmasch. Ich bin keine klassische Comedian, sondern sehe mich eher als Patientin, weil ich in meinen Texten meine Umwelt verarbeite und Berührungspunkte suche, in denen sich die Leute auch betroffen fühlen wie etwa bei Schlafproblemen. Ich hole das Publikum so mit Geschichten ab.

Wenn Sie sich als Patientin sehen, ist das Publikum der Arzt?

Nein, die Leute sind unfreiwillige Psychologinnen und Psychologen, die zuhören müssen.

Sie reden zum Teil wahnsinnig schnell auf der Bühne. Wie schaffen Sie das?

Üben, üben, üben, üben. Ganz einfach.

Üben Sie vor dem Spiegel?

Nein, ich drucke die Zettel mit den Texten meistens aus und lese sie so lange laut vor, bis ich nicht mehr stolpere. Dann spreche ich die Texte auf der Bühne, das ist auch wie üben.

Im Advent 2020 spielten Sie in der SRF-Krimiserie «Advent, Advent». Wann kann man Sie wieder als Polizistin sehen?

Das SRF verschob gerade die zweite Staffel. Allenfalls drehen wir 2023. Ich glaube aber erst daran, wenn es so weit ist. Dem Schweizer Fernsehen wird ständig das Budget gekürzt. Wir mussten daran glauben. Weil ich selber etwas schreibe, werden Sie sicher wieder mal eine Gelegenheit haben, mich zu sehen. Es hat Spass gemacht und wäre schade, wenn es nicht weitergeht.

Auf ihrer Homepage kann man T-Shirts bestellen mit dem Spruch «Nur die Weinkarte bitte». Woher kommt das?

Das sagte ich immer. Ein Kollege forderte mich auf, ein Shirt mit dem Spruch zu machen. Die Leute finden es toll.

Sie besuchen also ein Restaurant lieber, um zu trinken als zu essen?

Das läuft darauf hinaus.

Info

Die angesagte Slam-Poetin

Lara Stoll stammt aus Schaffhausen, wuchs im Thurgau auf und wohnt jetzt in Zürich. Die 34-jährige Slam-Poetin gewann mit 19 Jahren die Schweizermeisterschaften U20 im Poetry Slam. Das ist ein literarischer Wettbewerb, bei dem selbstverfasste Texte innerhalb einer bestimmten Zeit vorgetragen werden. Seit ihrem ersten Erfolg heimst sie regelmässig Preise ein. Lara Stoll dreht auch Filme und ist in diverse Musikprojekte involviert. Auch als Schauspielerin sammelte sie Erfahrungen.

Info

Laut und anarchistisch

Der Salzburger Stier ist ein bedeutender Kleinkunstpreis im deutschsprachigen Raum. 2020 verlieh die Jury Lara Stoll diesen Preis und schrieb: «Lara Stoll gilt als die Punkerin der Schweizer Poetry-Slam-Szene. Diesen Ruf geniesst sie, weil sie es liebt, auf der Bühne laut und anarchistisch zu sein. Ihre Texte sind oft ein einziges, kunstvoll gebautes Crescendo. Doch dann, plötzlich und unerwartet, zeigt die Exzentrikerin ihre Zerbrechlichkeit. Diese spannungsvolle Mischung macht die junge Ostschweizerin zu einer unverwechselbaren Figur auf den deutschsprachigen Bühnen.»

Info

Programm Comedy Täg

Endlich wieder Grund zum Lachen – an den Soorser Comedy Täg, die dieses Jahr bereits zum 19. Mal vom 20. bis 24. Oktober stattfinden. Während dem Festival gelten die aktuellen Regeln des Bundes und des Kanton Luzern. Aktuell gilt die von den Behörden verordnete Covid-Zertifikatspflicht. Tickets für die Vorstellungen im Surseer Stadttheater und im Stadtcafé gibt es ausschliesslich unter www.comedysursee.ch. Am Mittwoch und Donnerstag, ab 20 Uhr, treten Ursus & Nadeschkin auf. Das Comedy Gschnätzletes vom Samstag moderiert Schertenlaib & Jegerlehner. Christoph Simon, Lara Stoll und Marc Haller sind ab 20 Uhr im Stadttheater zu hören und sehen. Christoph Simon zeigt an der Comedy-Matinée sein wortgewaltiges Schaffen im Stadtcafé ab 10 Uhr am Sonntag. Schliesslich präsentiert Michael Elsener am Sonntag ab 19 Uhr sein Programm «Fake me happy» im Stadttheater. 


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