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Kolumne: Der Stieglitz in meinem Garten

Edith Tanner, 26. Oktober 2026

Er ist ein gern gesehener Gast im Garten – der Stieglitz, oder auch Distelfink genannt. Eine Kolumne von Edith Tanner, pensionierte Lehrerin aus St. Erhard. 

Er ist ein gern gesehener Gast im Garten – der Stieglitz, oder auch Distelfink genannt. Eine Kolumne von Edith Tanner, pensionierte Lehrerin aus St. Erhard. 

Im Herbst ist er wieder ein gern gesehener Gast in meinem Garten – der Stieglitz, oder auch Distelfink genannt. Der Name Stieglitz stammt übrigens von den Lauten her, die der Vogel jeweils von sich gibt und die nach «stig – lit» tönen. Die Distelfinken, die fast immer in Schwärmen vorkommen, unterhalten sich so untereinander oder warnen sich gegenseitig vor Gefahren.

Er tut sich jeweils gütlich an den Kernen der verblühten Sonnenblumen oder an den Samen verschiedener Blumen wie Kosmeen oder Karden. Die Karden sind eine Distelart, daher auch der Name Distelfink (lateinisch Carduelis = Distel). Der spezialisierte Schnabel des Distelfinken, der wie eine Pinzette dünn und spitz ist, hilft dem Vogel, auch die kleinsten Kerne aus den Samenständen zu klauben. Es ist unglaublich, wie schnell er die Kerne in seinem Schnabel schälen und die Schale wieder ausspucken kann.

Wunderschön ist er anzuschauen mit seinem farbenprächtigen Gefieder, wenn er sich kopfüber an eine Sonnenblume hängt. Woher er sein farbiges Gewand hat, wird in einer Legende erklärt: Der liebe Gott erschuf alle Lebewesen. Als er zum Distelfinken kam, der geduldig gewartet hatte, waren ihm fast alle Farben bereits ausgegangen. Da nahm er einfach alle Farbreste zusammen und pinselte dem Stieglitz sein buntes Gefieder: ein bisschen rot im Gesicht, einen gelben Streifen am Gefieder, weiss und schwarz an den Schwanzfedern sowie am Kopf und braun am Rücken – fertig war der Stieglitz.

Schon die alten Römer hielten gerne Stieglitze und versuchten sie gar mit Kanarienvögeln zu kreuzen. Im Mittelalter und in der Renaissance ist der Stieglitz auf vielen Gemälden zu finden. Er ist das Symbol für Hoffnung und Treue und als dieses oft in den Händen des Jesuskindes abgebildet.

Wohl nur ein Jesuskind schafft es, diesen scheuen Vogel in den Händen zu halten. Sobald der Stieglitz nämlich einen Menschen auch nur erblickt, sucht er sofort das Weite. Davon kann ich ein Liedlein singen, wenn ich ihn jeweils fotografieren will. Es gilt, sich gut zu verstecken und möglichst leise und unbemerkt die Kamera auf den kleinen Kerl zu richten. Nur dann gibt es erfolgreiche Aufnahmen des schönen Vogels.

Im Frühling bauen die Weibchen des Distelfinken jeweils kunstvolle, napfförmige Nester hoch oben auf den äussersten Zweigen der Bäume. Sie polstern sie weich aus mit Federn, Spinnweben, Moos und Pflanzenwolle. Die vier bis sechs gelegten Eier sind ebenfalls bereits ein wenig farbig, nämlich bläulich mit rötlichen Tupfen. Das Nest wird innerhalb einer Woche fertiggestellt, und aus den Eiern schlüpfen schon nach zwei Wochen die kleinen Stieglitze. Das Männchen hat nun die Aufgabe, die kleinen Schreihälse zu füttern.

Wer diesen wunderschönen Vogel selbst in seinem Garten beobachten will, darf nicht sehr ordnungsliebend sein. Es gilt, die verblühten Sonnenblumen und Disteln einfach stehen zu lassen, auch wenn der Anblick der braunen, verdorrten Blumen kein Augenschmaus ist. Aber genau diese kleinen «Kornkammern» braucht der Distelfink, wenn er sich im Herbst oder Winter ernähren will. Nur so schafft man es, dass der kleine, farbige «Punker» im Garten zu Besuch kommt und man ihn aus der Nähe bewundern kann. Es lohnt sich also auf alle Fälle, im Herbst ein wenig faul zu sein und den Garten nicht piekfein aufzuräumen. Viel Glück dabei!

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