22.01.2021

28 Stunden retten, schützen, bewältigen 

von Thomas Stillhart

Einsatzleiter Armin Schüpbach und Kommandant Pirmin Bättig führten die Feuerwehr Knutwil-Mauensee durch den Brand in Bognau. Zusammen mit dem ebenfalls anwesenden Vize Ralf Weidkuhn schildern sie den Ablauf des 28-Stunden-Einsatzes.  

Dienstag, 5. Januar, kurz nach 13.30 Uhr in Bognau. In einer Scheune mit angebautem Wohnhaus bricht Feuer aus. Armin Schüpbach will mit dem Auto in St. Erhard wegfahren, als der Alarm ausgelöst wird. «Drei bis vier Minuten später war ich beim Brandort. Die Scheune stand fast in Vollbrand. Bei den Ziegeln auf dem Dach waren die Flammen zu sehen.»

Sofort Tiere gerettet

Da Armin Schüpbach der erste Offizier der Feuerwehr Knutwil-Mauensee vor Ort ist, übernimmt er die Leitung des Einsatzes. «In Absprache mit dem Landwirt begannen wir sofort mit den Tierrettungen.» Danach verschafft er sich bei einem schnellen Rundgang um die Liegenschaft einen ersten Überblick. Bereits jetzt überlegt sich Offizier Schüpbach, wo der Wasserbezugsort ist, welche Strategie und Taktik er verfolgen will. Die Gefahr eines nahen Dieseltanks erkennt er und treibt nebenbei den Hofhund aus der Gefahrenzone.

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Wenig später fährt die Autodrehleiter der Feuerwehr Region Sursee zu. Bei einem Brand dieser Grössenordnung – Alarmstufe 3 – wird sie automatisch alarmiert. Zusammen mit den Eingeteilten aus Sursee bestimmt Armin Schüpbach den Standort dieses wichtigen Einsatzmittels. 

Zwei Wasserbezugsorte

Die eintreffenden Eingeteilten beider Feuerwehren verlegen die ersten Druckleitungen und beginnen sofort mit der Löscharbeit. Ein Wasserbezugsort ist im Quartier Baumgarten, der andere an der Kantonsstrasse Sursee–Mauensee – vom Brandort aus auf der anderen Strassenseite. 

Um 14 Uhr ist Vizekommandant Ralf Weidkuhn, wenig später Kommandant Pirmin Bättig vor Ort. «Bei meinem Eintreffen war schon relativ viel eingeleitet worden», erzählt Ralf Weidkuhn. Er übernimmt die Koordination des Atemschutzes. Pirmin Bättig telefoniert bei der Anfahrt mit Armin Schüpbach. «Ich versuchte, ihn zu entlasten. So bot ich beispielsweise zur Unterstützung die Verkehrsabteilung Sursee auf.»

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Drei Ambulanzfahrzeuge

Inzwischen helfen ca. 50 Eingeteilte der Feuerwehr Knutwil-Mauensee und mehr als 30 der Feuerwehr Region Sursee, den Brand zu löschen. Die Ambulanz ist mit drei Fahrzeugen vor Ort. Sie kümmert sich um die zwei Verletzten. Mehrere Patrouillen der Luzerner Polizei sowie Andreas Schmid, Vertreter des Feuerwehrinspektorats, bieten ihre Dienste an. Letzterer gibt Tele 1 Auskunft. Gemeinderäte von Mauensee und Knutwil schauen vorbei. Sie kümmern sich vorwiegend um die betroffene Bauernfamilie. 

Um Armin Schüpbach bildet sich eine Traube. Viele wollen etwas vom Einsatzleiter. «Ich filterte, was wichtig ist.» Schnell verfolgt das Kommando die Taktik, das Wohnhaus vom Feuer zu schützen. Eine Brandmauer hilft. Auch die nahe Biogasanlage soll geschützt werden, was gelingt. «Retten, schützen, bewältigen», zählt Kommandant Pirmin Bättig die Prioritätenabfolge der Feuerwehrarbeit auf.

Erster Rapport um 15 Uhr 

Um 15 Uhr lädt Armin Schüpbach zum ersten Rapport ein. «Zu diesem Zeitpunkt hatten wir das Feuer einigermassen im Griff. Durchatmen konnten wir aber nicht.» Ihm ist bewusst, dass der Einsatz wegen der Grösse des Ereignisses noch länger dauert. «Auch barg der nahe Heustock eine Gefahr. Wir mussten ihn leeren und gleichzeitig löschen.»

Freie Fahrt am Feierabend

Noch immer liefern die beiden Hydranten Wasser. Der Schlauch auf der Kantonsstrasse bremst den Verkehrsfluss. «In den ersten drei Stunden war der Wasserbezugsort dort quasi die Arterie für die Autodrehleiter», sagt Ralf Weidkuhn. Pirmin Bättig entscheidet in Zusammenarbeit mit der anwesenden Polizei, die Kantonsstrasse zu sperren, um die Gefahr eines kaputten Schlauchs und somit eines Unterbruchs der Wasserzufuhr zu verhindern. Um ca. 15.30 Uhr ist das Feuer unter Kontrolle.

Als Ziel formuliert der Kommandant, dass der Verkehr vor Feierabend wieder läuft. Zugute kommt ihm, dass die Autodrehleiter kurz vorher kein Wasser mehr abgeben muss. Die Feuerwehr baut die Leitung zur Kantonsstrasse ab. «Als alternativen Wasserzubringer legten wir eine Leitung zum Mauensee.» Das sind rund 500 Meter Luftlinie. Um 16.45 Uhr ist die Kantonsstrasse wieder offen. Ein Tieflader liefert bereits einen Bagger.

Einverständnis für den Bagger

«Wir bieten nicht einfach so einen Bagger auf. Wir brauchen das Einverständnis der Gebäudeversicherung», erklärt Ralf Weidkuhn. Diese gibt nach kurzer Rücksprache mit dem Einsatzleiter grünes Licht. Nach 17 Uhr beginnen versiertere Feuerwehreingeteilte abwechslungsweise unter Atemschutz, das Heu vorsichtig auszubaggern.

Inzwischen bietet der Einsatzleiter der Feuerwehr über die Polizeizentrale verschiedene Personen und Institutionen auf: Wegen des Löschwassers wird die Dienststelle Umwelt und Energie (uwe) informiert. «Auf dem Schadenplatz hatte es diverse Schächte, von denen wir nicht wussten, wohin sie führen», erzählt der Kommandant. Zudem ist der Mauensee nahe. Ein uwe-Vertreter kommt und schaut die Lage an.

Weiter wird die Ara Surental unterrichtet, dass Löschwasser nach Triengen fliesst. Auch der aufgebotene Tierarzt reist an. «Er beurteilte die geretteten Schweine, behandelte sie mit Antibiotika und/oder Schmerzmitteln», sagt Pirmin Bättig. Nachher transportiert eine dafür spezialisierte Firma die Schweine in einen freien Stall in der Umgebung.

Fast wie ein Kiosk

Die Sonne ist weg. Ralf Weidkuhn organisiert die Schadenplatzbeleuchtung. Fourier Renato Frosio kümmert sich unterdessen mit einem Eingeteilten um die Verpflegung. Er kauft Wienerli, Brot, Riegel, Kaffee, Tee. Sogar Ladestationen installieren die beiden. In einem benachbarten Stall abseits des Brandorts gibt es ein Dach über dem Kopf. In der Nähe ist der Sammelplatz eingerichtet.

Noch immer bangt Armin Schüpbach um das Wohnhaus. Von innen misst die Feuerwehr mit der Wärmebildkamera laufend und über Stunden die Temperatur der Decke. Offizier Thomas Staffelbach steigt auf das Dach und deckt die Ziegel ab, um die Energie abzuführen. «Die Frage war, wie viel Wasser ist nötig und wie viel möglich», blickt Ralf Weidkuhn zurück. Das ewige Abwägen zwischen Löschen und möglichst geringem Wasserschaden.

Der Sammelhof hilft

Mehrere Feuerwehreingeteilte löschen über Stunden das herausgebaggerte Heu, bevor es in einer Mulde zwischengelagert wird. Über die ganze Nacht und den darauffolgenden Tag wurden über 400 Kubik Heu und Stroh dem Sammelhof Frey in Sursee zugeführt, um dort die letzten Glutnester zu löschen.

Eine kurze Nacht für alle

Um Mitternacht sind immer noch rund 20 Eingeteilte und das gesamte Kader vor Ort. Die Feuerwehr Region Sursee wurde bereits vor Stunden entlassen. «Um Mitternacht waren die Glutnester auf dem Dach des Wohnhauses noch nicht gelöscht», erzählt Einsatzleiter Schüpbach, und der Kommandant fährt fort: «Wir arbeiteten in der Nacht so lange, bis wir wussten, dass das Wohnhaus nicht mehr gefährdet war.»

Zwischen 0.30 Uhr und 5 Uhr lösen sich das Kader sowie das Gros der Feuerwehreingeteilten alternierend ab, um für zweieinhalb Stunden nach Hause zu fahren, eine warme Dusche zu geniessen sowie zu schlafen. Auch Armin Schüpbach und Pirmin Bättig legen um 2.30 Uhr mit gutem Gewissen eine erste kurze Pause ein – das Wohnhaus ist in Sicherheit.

Am zweiten Tag sind noch rund 25 Frauen und Männer im Einsatz. Es schneit. Die Feuerwehr leert den zweiten, weiter vom Wohnhaus entfernten Heustock. Bevor das geschieht, beurteilt der Branddetektiv der Luzerner Polizei die Brandstelle akribisch. Eingeteilte entfernen zuerst einen abgebrannten Traktor sowie eine Ballenpresse. Wieder steht der Bagger im Einsatz, wieder wandert das teils noch glimmende Heu zum Sammelhof Frey.

Pizza und Bier

Langsam ordnet Einsatzleiter Armin Schüpbach den Rückzug und das Retablieren an. Am Mittag isst die Feuerwehr warme Pizza. Bis nach 17 Uhr dauern die Aufräum- und Reinigungsarbeiten. Im Magazin gibt es zum Abschluss ein kühles Bier. Es ist wieder dunkel.

Quasi 28 Stunden stehen Armin Schüpbach und viele der Eingeteilten unter Dauerstrom. «Man funktioniert. Erst am Abend merkte ich die Müdigkeit.» Im Rückblick macht er klar: «Die grösste Knacknuss war das Dach des Wohnhauses. Der Wind kam diagonal und drückte die Hitze zum Dach.» Er hebt das Teamwork hervor. Pirmin Bättig fügt hinzu, dass der persönliche Bezug – der betroffene Landwirt engagierte sich lange in der Feuerwehr – ganz besonders ist. Die Zusammenarbeit mit der Feuerwehr Region Sursee lobt er. «Diese klappte optimal. Es war ein Miteinander, ein dauernd lösungsorientierter Austausch, egal welche Farbe die Jacken hatten.»

Sanität zur Sicherheit

Ralf Weidkuhn spricht über den langen Einsatz. «Die Aspekte Sicherheit und tiefe Temperaturen waren uns wichtig. Die Müdigkeit kann zu Fehlern führen.» Deshalb ist über die ganze Zeit immer ein Sanitätseingeteilter der Feuerwehr vor Ort.

Am Freitag, 15. Januar, zehn Tage nach Feuerausbruch, schreibt die Luzerner Polizei, die Brandursache sei auf Arbeiten mit einer Ballenpresse zurückzuführen. «Personen waren damit beschäftigt, in der Scheune Heuballen zu pressen. Dieses Heu wurde mit einem Heukran der Ballenpresse zugeführt. Dabei fiel Heu aus der Zange des Heukrans auf ein Verlängerungsrohr des Auspuffs eines Traktors, der die Ballenpresse antrieb. Dieses Heu entzündete sich und löste den Brand aus.»

Das Spital entliess mittlerweile die beiden Verletzten, teilt die Polizei auf Anfrage mit.


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